Grußwort

Pisa – ein Wort, das den gleichen Effekt hat, wie das Glöckchen aus dem berühmten Versuch des russischen Mediziners Pawlow: Selten hat ein einzelner Begriff derart reflexhaft aufgeregte Debatten ausgelöst und die Diskussion über gesamte Bildungsfragen bestimmt.. Die Nöte sind groß, Rettung scheint fern. Ich schlage vor, einen Lösungsbeitrag zu den Bildungs– und Erziehungsproblemen unserer Gegenwart in Überlegungen zu suchen, die mehr als einhundert Jahre alt sind und in einer Schule, die ihren 75. Geburtstag feiert: Wir sollten "Problemlösungen In Spiekeroog Abschauen".

In der gegenwärtigen Bildungsdebatte ist – vereinzelt aber zu Recht – die Forderung zu hören, es reiche nicht, jungen Menschen Wissen zu vermitteln, genauso wichtig sei es, ihren Charakter zu bilden, ihre soziale Kompetenz zu stärken. Auf nichts anderes zielt die Pädagogik von Hermann Lietz mit ihrem Anspruch, "den ganzen Menschen bilden" zu wollen. Manche Begriffe dieser Pädagogik mögen sich antiquiert anhören, doch es erweist sich gerade jetzt wieder, dass die Ideen und Ziele, die damit gemeint sind, gültig bleiben und dass sie auch heute noch große Anziehungskraft besitzen. "Kopf, Herz und Hand" in einem zu bilden, dass ist damals wie heute der richtige Anspruch. Hermann Lietz selber hat das, worum es ihm ging und was Alfred Andreesen in Spiekeroog verwirklichte so beschrieben: "Nicht Kenntnisse, Wissen, Gelehrsamkeit, sondern Charakterbildung; nicht alleinige Ausbildung des Verstandes und Gedächtnisses,...nicht Lesen und Schreiben, Griechisch sondern Leben lehren..."

Ich bin der Hermann Lietz–Schule natürlich auch wegen meiner besonderen Beziehung zu Spiekeroog verbunden. Vor allem aber, weil ich davon überzeugt bin, dass sie der gelungene Versuch ist, die Ideale einer ganzheitlichen Erziehung in Ziele und Handlungsformen zu übersetzen, die auf der Höhe der Zeit sind, weil sie auf das Leben in unserer Gesellschaft vorbereiten. Intellektuelle und handwerkliche Fähigkeiten werden in enger Verbindung miteinander ausgebildet. Bei den Aufgaben, die den Schülerinnen und Schülern gestellt werden – sei es in der Landwirtschaft oder im Bootsbau, in der Schülermitverwaltung oder beim Erhalt der Deiche, beim Sport oder im Unterhalt der Gebäude – lernen junge Menschen ihre Fähigkeiten und Grenzen kennen und auch ihre Möglichkeiten, über sie hinauszuwachsen. Sie gewinnen Selbstvertrauen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Es ist nicht immer leicht gewesen, sich mit einem solchen Angebot zu behaupten. Das Schulschiff war auch schon in stürmischer See. Viel hätte nicht gefehlt und es wäre untergegangen. Doch heute segelt es mit geblähtem Segel auf klarem Kurs. Deshalb sollten wir in diesem Jahr neben dem 75–jährigen Bestehen der Hermann Lietz–Schule Spiekeroog ein zweites Jubiläum feiern: Seit 20 Jahren leitet Dr. Hartwig Henke diese Schule. Die Schule von heute, der radikale Neubeginn 1984, ihr Wiederaufstieg, ihr jetziges Profil und ihre Zukunftschancen sind untrennbar mit seinem Namen verbunden. Das sehen gewiss auch alle jene so, ohne die die Hermann Lietz–Schule nicht dort stünde, wo sie heute steht: Seine Frau und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Kollegium.

Den Ideen von Hermann Lietz hat Hartwig Henke eine moderne Prägung gegeben. "Ökologische Sensiblität" und "soziale Kompetenz" – diese Begriffe hat Hermann Lietz nicht gekannt, was damit gemeint ist, war aber auch ihm wichtig. Noch immer geht es darum, dass junge Menschen lernen, Egoismus zu überwinden, und immer sollen sie die Fähigkeit erwerben, dem Druck anderer zu widerstehen und Verantwortung zu übernehmen in der Gemeinschaft und in der Gesellschaft und für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Den Weg in die Zukunft hat Hartwig Henke mit einem Projekt gewiesen, das nun schon zehn Jahre lang erfolgreich auf den Weltmeeren unterwegs ist und mit einer Idee, die alle Chancen hat, ebenfalls Wirklichkeit zu werden:

Die "High Seas High School" hebt die willkürliche Trennung von Lernen und Leben auf und bringt das Lernen an den Ort, wo tatsächlich gelebt und gearbeitet wird. Die mehrmonatige Fahrt auf einem traditionellen Großsegler ist für die jungen Menschen eine "Fahrt ins Leben". Sie fördert ihre Eigenverantwortung und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – in der Gemeinschaft des Schiffes und später auch in größeren Zusammenhängen. Der Umgang mit dem Schiff und die Bewährung auf See sind nicht Ziel, sondern Mittel einer ganzheitlichen Erziehung. Die "pädagogische Provinz" auf hoher See – ich bin sicher, Hermann Lietz und Alfred Andreesen hätten ihre Freude an diesem großartigen Projekt gehabt.

Einen ganz neuen Akzent wird das Umweltbildungszentrum setzen, Hartwig Henkes zweite große Idee, die Pädagogik von Hermann Lietz unter den Bedingungen unserer Zeit zu verwirklichen. Die Hermann Lietz–Schule bietet aufgrund ihrer Traditionen und wegen ihrer besonderen Lage geradezu ideale Voraussetzungen als Standort für ein solches Zentrum: Zwischen den Biotopen Watt, Dünenlandschaft und der Ostplate, der einzigen naturreinen Salzwiese Norddeutschlands. Die Auseinandersetzung mit der Natur und ihr Schutz – für die Schüler der Hermann Lietz–Schule lebensnotwendige Selbstverständlichkeit – würde durch das Umweltbildungszentrum aus der Schule in die Gesellschaft getragen, würde nicht nur der Schule, sondern der ganzen Insel und ihren Besuchern zugute kommen. So verbinden sich zwei Ziele in hervorragender Weise untereinander, die der Schule und ihrem Leiter besonders wichtig sind: Der Austausch zwischen Inselbewohnern und Schülern und die Auseinandersetzung mit der Natur und ihr Schutz.

Eine Schule, die neue Herausforderungen annimmt und ihre bewährten Ziele immer wieder auf neuen Wegen zu erreichen sucht, die hat Zukunft. Eine Schule, die so erfolgreich arbeitet, die bleibt Vorbild, auch auf dem Weg zum hundertsten Jubiläum!

 

Christina Rau

Kuratoriumsvorsitzende der
Hermann Lietz–Schule Spiekeroog

aus: Festschrift – 75 Jahre HL–Schule Spiekeroog
Spiekeroog 2003


 


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