Der Schokoladendieb
Freitag, 13. November 2009Datum: 13. November 2009
Etmal: 87 sm
Wetter: 26 Grad, Sonnenschein, Flaute, WOOOHOOO!
geschrieben von: Keno Stocks
Johann Smidt. Der weltumsegelnde Gaffelschoner wurde von einer Welle der Kleinkriminalität eingeholt; der Diebstahl verschiedener Schokoriegel überschattet das Einlaufen in Santa Cruz. Gesundheitsminister Axel Bullenkamp reagierte erschüttert, er sei “zutiefst betroffen”, eine derartige Bereicherung auf Kosten der Anderen sei “gegen das Prinzip der Eintracht, des einträchtigen Zusammenseins”, ein solches “Snickers-Prinzip” funktioniere auf einem Segelschiff einfach nicht. Am Ende seiner Ansprache leitete der hochangesehene Verfechter sauberer Kühlschränke und Vorsitzende des “Vereins für Gemeinnütziges Essen Mit Überaus Sättigenden Inhaltsstoffen (GEMÜSI e.V.)” eine Gedenkminute ein. Auch Schülersprecher Jannik Löhnert reagiert ähnlich, es sei ein “Unding”; das Verhalten der Täter sei “ausgesprochen dreist”. Kapitän Niko Kern bewies Führungsstärke und Konsequenz, er verbannte mit sofortiger Wirkung jegliche Süsswaren aus dem Kühlschrank. Doch schon am darauffolgendem Abend ein neuer Vorfall: Es verschwand unter rätselhaftem Umständen eine Schüssel Sherrymatjes, rätselhafte Umstände deshalb, weil wohl keinem der Crewmitglieder ein vernünftiger Grund einfallen würde, weshalb man eine Schüssel voller roher Fischhälften stehlen sollte, geschweige denn, wie man sie aufbewahren sollte, ohne die Sherrymarinade in die umliegenden drei Quadratmeter zu verteilen. Auch der illegale Duschzeithandel blüht, hierbei lässt sich jedoch leicht erahnen, wer wohl Käufer und wer Verkäufer sein muss. Oberkommisarin Rita Ernst dazu: “Wir machen schwierige Zeiten durch, aber wir bekommen das in den Griff.” Zu den Vorwürfen, sie sei illegale Mitreisende, wollte sie sich nicht äussern.
So oder so ähnlich sähe wahrscheinlich der Artikel auf der imaginären Titelseite auf der ebenso imaginären Tageszeitschrift aus, die ich zum Frühstück lesen würde, säße ich zu Hause im winterlichen Oberbayern. Aber ich sitze beileibe nicht im winterlichen Oberbayern, sondern noch relativ übermüdet von der Nachtwache in der Messe in oben genanntem Segelschiff irgendwo zwischen Madeira und den Kanarischen Inseln. Nach dem Frühstück beschließe ich mich an Deck ein wenig aufs sprichwörtliche Ohr zu legen. Die Sonne deren ersten, zaghaften Strahlen heute früh durch mein Bullauge in mein Gesicht schienen, stehen nun wesentlich steiler und wecken in Kombination mit dem surreal blauen Atlantikwasser echte Urlaubsstimmung an Bord und ich bin nicht der einzige, der in Shorts und T-Shirt einen geeignete Liegeposition an Deck sucht. Nach halbstündiger Suche ist sie auch gefunden: auf der Segellast unter dem wegen der Flaute schlagendem Schoner gibt es eine Ritze, in der man es sich mit viel Akrobatik mehr oder weniger bequem machen kann. Pünktlich zu meinem Wachantritt um 12:00 tauchen vor uns die schehmenhaften Umrisse der zerklüfteten Felsen Teneriffas am Horizont auf, im Näherkommen entpuppen sie sich als wahre Naturschönheiten. Bald sammelt sich eine kleine Menschentraube an der Reling und bewundert mit offenem Mund die vorbeigleitenden Riesen, als auch noch Wale neben uns auftauchen, ist das Postkartenfoto perfekt. Teneriffa ist über und über besprenkelt mit kleinen weißen Häusergruppen, die aussehen, als hätte ein ungeschickter Riese seinen Tippex nicht unter Kontrolle halten können. Das Herz des Tippex-Desasters, für welches besagter Riese von seinem Vorgesetztem aufgrund mangelnder eiserner, astreiner Disziplin wohl 2 Stunden Messingputzen aufgetischt gekriegt hätte, liegt jetzt direkt vor uns: Santa Cruz! Dort treffen wir nicht nur zum erstenmal auf Jan Henke, sondern auch auf das Parallelprogramm “Klassenzimmer unter Segeln” mit ihrem Dreimaster “Thor Heyerdahl”. Die “Konkurrenz” erweist sich nach kurzem Gespräch als sehr sympathisch und bietet uns eine Führung durch die wunderschöne Thor an. Diesem Angebot können wir natürlich nicht widerstehen und schon bald ist es Abend geworden, Zeit nach Hause, zurück auf die Johnny, zu gehen. Buenos noches!
Der Keno