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Verarsche und Ironie

Mittwoch, 21. April 2010

Tag: 21. April 2010
Position: 44°31,17′N, 012°28,71′W
Etmal: 112 sm
Wetter:    Hälfte bedeckt bis 6/8, Luft 16,2°C, Wasser 13,5°C
geschrieben von: Julia Rehkemper

Auf dem Atlantik ist es unglaublich schwierig, spannende, informative oder lustige Tagesberichte über den Tag zu schreiben, weil die Tage in einander übergehen. Immer wieder passiert das Gleiche. Jeden Tag von 4-8 Uhr hab ich Wache, Frühstück, Mittagessen und Abendessen und nach dem Mittagessen das Treffen für das HSHS-Buch. Genau aus diesem Grund hängt man sich dann an Kleinigkeiten auf. Doch diese waren an diesem Tag auf alle Fälle schwer unterhaltsam, deshalb werde ich ausnahmsweise wirklich einfach über den Tag schreiben.

Die Wache war früh, doch anscheinend hab ich mich bereits an diesen für mich neuen Rhythmus der 4-8 Uhr Wache gewöhnt, denn schon vor dem Wecken lag ich wach und wartete auf Lotte, die ich bereits durch die Wände hören konnte. Während der Wache konnte ich beobachten, wie der Himmel in einer rasenden Geschwindigkeit von schwarz über dunkel grau hell wurde. Leider auch grau. Die Karibik liegt eindeutig weit hinter uns. Es war unglaublich kalt, etwas nass und die Sonne schaute nur kurz auf uns herab. Obwohl Martti seit zwei Tagen der Schülerskipper ist, wollte er auch seine Ruderzeit gehen. Von uns aus sehr gerne. Ja, ihr merkt, das ist eher etwas unspannend. Dann überspringe ich lieber den Rest, der sich nicht groß veränderte, dann das Frühstück. Jetzt befinden wir uns achtern im Schiff vor dem Zollstore. Solli und ich stehen vor unserer Kammer (warum fällt mir im Nachhinein auch nicht ein, da es wenig Sinn macht) und Carmen kam zu uns. Carmen gibt Solli ein am Morgen erst ausgeliehenes Buch zurück:” Vielen Dank, Solli. Es war sehr schön, besonders, da ich diese Orte kannte und genauso kenne, wie man sich die blauen Säcke über die Füße zieht.” Das Buch spielt in Schweden und wovon geredet wird ist im Krankenhaus. Solli guckt nur etwas schockiert. Carmen geht, Steffi kommt.

Steffi, drückt sich etwas an der Ecke herum:” Könntest du vielleicht den Zollstore aufmachen?” Da kommt Sabine aus der Toilette: “Wisst ihr, wo der Maschinist ist? Die Toilette ist verstopft.” Steffi ruft durchs ganze Schiff:” Wo ist der Maschinist? Sabine hat das Klo verstopft.” Nachdem Steffi ihre Tafel Schokolade gekauft hat, war der Maschinist dabei das Klo mit einem Pümpel zu bearbeiten und ahmte dabei das dabei entstandene Glucksen nach. Dann kam von oben Uli Tetzner: “Heute drei Tafeln Schokolade, bitte.” Steffi linste wieder um die Ecke: “Ulli geht shoppen?!” In meinem Kopf entstand dabei unweigerlich ein Bild von unserem Ulli mit einer rosa Plüschhandtasche beim Shoppen. Ein urkomisches Bild. Ulli ist bereits in seiner Kammer verschwunden. Solli in den Raum: “Möchte jemand einen Clippersticker für 0,30€ kaufen?”

Ulli aus seiner Kammer: “Ja, ich, um ihn dir auf die Stirn zu kleben.” sprachs und lachte in sich hinein und verschwand wieder in der Kammer. Solli leise zu mir: “Dieser Mann verarscht mich am laufenden Bande!” Wieder ein Lacher aus der Kammer. Fabi kam und stellte sich zu uns. Solli über den Zollstore: “Ich finde dieser Raum hat Charakter.” Fabi: “Nimm die Schokolade heraus und es ist nicht mehr so.” Solli empört: “Nein, das ist nicht wichtig. Dieser kleine Raum hat einfach seinen Charakter. Ich mag diesen kleinen Raum.” Fabi trocken: “Besenkammer.” Und geht. Solli empört:” Das ist keine Besenkammer.” Ich vermute, dafür ist er auch zu klein. Danach verabschiedeten wir uns in unsere Kojen.

Beim Treffen fürs HSHS-Buch legten wir endlich die Kriterien für unseren Reiseführer fest. Meine Mutter predigt mir schon seit ich klein bin, dass man die Ergebnisse mit nennen soll, doch ich halte mich hier zurück und mache unsere erste Werbung: Wer wissen möchte, wovon ich schrieb, möchte sich doch unser tolles HSHS-Buch ansehen. Ich kann nicht sagen, wo der Nachmittag geblieben war, denn schon hatte ich wieder Wache.

Ich stand am Steuer und hielt den Kurs, indem ich alle 5 Minuten das Steuerrad um einen halben Ausschlag bewegte, weil ich doch um ein Grad vom Kurs abgekommen war. WOW. Solli und Lina standen an meiner Seite, nachdem sie eine Stunde Farbe gewaschen hatten. Sie erzählten mir:
Solli: “Ich habe endlich meinen Traumberuf gefunden: Farbe waschen.”
Lina: “Ja, genau, und wir sind so froh, dass der Rest unserer Wache über eine Stunde eine Besprechung hatte. So konnten wir unserem Spaß viel länger und ausgiebiger nachgehen. Jeeyyyy.”
Solli: “Guck, Lina, die Jungs können das gar nicht. Sie sollen nicht das Deck schrubben, sondern Farbe waschen. Vielleicht sollten wir ihnen das zeigen oder gar übernehmen. Komm diesen Spaß kann man denen doch nicht gönnen.”
Lina:” Ja, du hast natürlich recht. Wir sind auch so froh, dass die Wache uns so unglaublich viel überlassen haben. Das sollten die immer tun.”
Aus, für mich, unergründlichen Gründen gingen sie. Doch als sie wieder kamen ging es den schlagenden Segeln an den Kragen:
Solli:” Wir sollen den Baum des Groß abdirken, damit das Segel nicht mehr schlägt. und den Kicker sollen wir festknallen. Den Bullen am besten auch.”
Lina: “Ja, lass uns das tun. Das Segeltuch freut sich sicher darüber nicht mehr durchs Schlagen strapaziert zu werden, sondern durch einen schweren Baum, den es tragen soll. Loooooos gehts.”
Nachdem sie alle das getan hatten, merkte ich kurz an: “Eh, Leute, der Kicker ist auf der falschen Seite.”
Solli: “Lasst uns doch den Bullen auf die andere Seite nehmen.”

Flup, schon war das geschehen.  Die Segel schlugen noch immer. Übrigens, die Maschine lief dabei. Segelschiff mit Hilfsmotor. Doch leider kam der Wind nun einmal aus der völlig falschen Richtung. “Julia, abfallen!” Okay. Jetzt schlugen die Segel endlich nicht mehr so sehr bzw. sie killten nicht mehr. Unfair, wenn der Wind dreht. Um es kürzer zu machen. Als wir irgendwann laut Kompass nach Norden fuhren, Kompass, nicht über Grund, hieß es endlich: “Segel runter, sonst schlagen sie uns noch kaputt. ” Jetzt schaukelt es etwas mehr. Doch vorher schaukelten wir gar nicht, also fühlen wir uns endlich wieder wie auf offener See. Doch keine Angst, die Dünung sorgt nicht einmal für das Überlaufen von YumYums aus Muggen wenn man sie nicht festhält, also ist das alles absolut harmlos.

Schülerversammlung über die ich selbstverständlich nichts schreiben darf. Das Abendprogramm bestand aus einem DDR-Abend. Steffi und Peter erzählten uns ein wenig wie es war, zeigten uns Ausschnitte aus Propagandafilmen der Pioniere und danach sahen wir den Film “Das Leben der Anderen”. Unglaublich gut. Dazu brachen wir unseren HSHS-Schatz endlich an. Um halb zwölf ging ich dann mit einem Schokogummibauch in die Koje. Noch einmal fast vier Stunden Schlaf galt es zu nutzen, deshalb wünsche ich euch alles Gute
Eure Julia

P.S.: Schönen Gruß an Rosi von Jürgen
P.P.S.: Aller herzlichste Geburtstagsgrüße von Anni an Pia und einen wundervollen Tag.
P.P.P.S.: Luli wünscht seiner Lieblingsschwester Laura alles Gute zum Geburtstag.

Prüfungsstress

Freitag, 26. März 2010

Datum: 26. März 2010
Position: 32°58,63´N, 053°35,96´W
Etmal: 169sm
Wetter: leicht bewölkt, NNW mit 2 Windstärken
geschrieben von: Julia Rehkemper

Hier möchte ich erst einmal eine Grundinformation anbringen: Schule hat auf diesem Schiff einfach nur den zweiten Rang. In Deutschland kreist das ganze Leben eines Schülers um die Schule und die Freizeit wird darum herum gebaut. An Bord funktioniert das nicht so. Man hat nur alle zwei Tage Unterricht und das auch nicht primär. Alles wird um das Segeln herum gebaut. Wenn es zu sehr schwankt, werden wir alle aus dem Unterricht gezogen, um volle Wachen zu gehen oder wenn ein Manöver gefahren werden muss, wird der Unterricht einfach unterbrochen. Im einen Moment diskutiert man noch über die Bedeutung und Symbole eines völlig überladenen Textes von Ernest Hemingway, im nächsten Moment kommt ein Steuermann in die Messe und holt uns an Deck. Sofort wird Hemingway und Lehrerin Steffi zurück gelassen und sich ins Ölzeug geschält, um so schnell wie möglich an Deck zu kommen.

Wenn es jetzt also Prüfungsstress heißt, ist das wirklicher Stress. Jeder sieht die Klausur ungewöhnlich schnell auf einen zulaufen und doch hat man keine Zeit zu lernen. An dem einen Tag lernt man fast den ganzen Tag etwas im normalen Unterricht, am nächsten Tag wieder Wache und man versucht, Schlaf zu erhaschen oder die Dinge zu erledigen, die sich auch schon seit Tagen aufstauen. Zum Lernen würde man nur vor dem Schlafengehen kommen, doch dann ist man einfach zu müde. Von Sabine wurde uns angesagt, dass nach den Bermudas die mündlichen Prüfungen in Mathe sein würden und auf einmal hängt am Niedergang ein Zettel mit der Liste, wann welcher Schüler geprüft wird. Die Prüfung ist auf zwei Tage (gestern und heute) verteilt und wir sind je nach Thema dort aufgelistet und eingeordnet. Jeder hat ungefähr zehn Minuten Zeit. Zwei Tage vor den ersten Prüfungen erinnern sich alle langsam an die anstehende Prüfung, doch man hat ja noch Zeit. Auf einmal ist man nur noch einen Tag entfernt, hatte keine Zeit zum Lernen oder auch noch Backschaft an diesem Tag. Solli wollte mit mir tauschen, weil ich erst heute geprüft wurde, doch ich musste noch mein Referat vorbereiten. Soviel gleichzeitig zu lernen und auch selbstsicher zu beherrschen ist eine unglaubliche Arbeit.

Heute war meine Prüfung eine halbe Stunde vor meiner Wache. Der vor mir brauchte mehr Zeit, wodurch ich dann mein Mittagessen/Frühstück im Teegarten während der Wache aß. Ich wurde von Sabine in die Kapitänskammer gerufen (was für ein Prüfungsort), bekam einen Zettel und wurde aufgefordert, mein Thema zu erläutern (Trigonometrische Funktionen). Stille. Leere. Nichts. Alles im ersten Moment weg. Da sehen einen die erwartungsvollen Augen meiner Mathelehrerin an und wollen irgendetwas Schlaues von dir hören und dir fällt einfach nichts ein. Nach dem Nichts kommt der Gedanke, dass man es ihr doch gar nicht erklären müsste, schließlich kennt sie das Thema zur Genüge und eigentlich tut sie nur interessiert, um zu sagen, wenn etwas nicht stimmt.

“Julia, trigonometrische Funktionen. Sag einfach, was dir dazu einfällt. Du kannst den Zettel gerne benutzen.” Gern, doch es fällt mir nichts ein! Erinnere dich. Ach ja, da waren so Wellenlinien. Genau, und da war was mit Einheitskreis. Aha, jetzt hab ich es wieder. Entspannt konnte ich ihr meine zehn Minuten etwas über das verschollen geglaubte Thema erzählen. Glück gehabt. Doch ich weiß genau, dass noch drei Klausuren bei Jan anstehen (Bio, Chemie, Erdkunde), noch eine Karrikaturanalyse bei Carmen und noch eine mündliche Englischprüfung. Und alles in den nächsten zwei Wochen, wenn es hoch kommt. Nicht drüber nachdenken. Der Tag vor den Prüfungen kommt sicher wieder und wenn ich mir da Panik mache, reicht das eindeutig aus. Jetzt erst mal wieder segeln, Unterricht und Backschaft. Wenigstens mein Referat konnte ich endlich halten. Das war eigentlich der größte Stress.

Und was wirklich lustig ist, wenn man mit seinen Lehrern auf so engem Raum lebt ist, dass man jederzeit seine Bewertung erfahren kann. Wenn mal wieder etwas fertig bewertet wurde, stürmt alles in die Lehrerkammer und es schwirren nur noch Punktezahlen durch die Luft. Dann rennt man wieder in die Messe und wird gefragt und ausgetauscht. Obwohl Mathe nicht so vielen Schülern gefällt (ein allgemeines Phänomen) wirft man sich hier nur Zahlen an den Kopf und darauf gibt es eine Reaktion. Alles sehr aufregend. Also, nach dem Prüfungsstress kommt irgendwann die ersehnte Erlösung, wenn man dann genau weiß, was man mit der Prüfung verbrochen hat. Die Matheergebnisse gab es zur allgemeinen Erleichterung bereits heute abend, neben den Politikbewertungen unseres Essays über Kuba.

Jetzt hab ich eindeutig genug über den Prüfungsstress geschrieben und werde mich jetzt wieder zurücklehnen und den neuen Terminen entgegen fiebern. Mal sehen, wie es beim nächsten Mal aussieht. Doch bis dahin: Grüße ich alle, die unsere Berichte lesen und ganz besonders meine Lieben! Dazu gehören wie immer auch meine Schwimmerchen und jeder, der mich vermisst.
Eure Julia

P.S.: Den allerherzlichsten Glückwunsch an Erpel Leopold von seinem Franz zum Geburtstag.
P.P.S: Auch an den Vater von Finn herzlichen Glückwunsch von seinem nicht mehr allzu fernen Sohn.