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Nach 2000 sm festen Boden unter den Füßen

Montag, 05. April 2010

Datum: 5. April 2010
Position: gerade eingelaufen in Horta (Faial, Azoren)
Etmal: 175 sm
Wetter: neblig, regnerisch, kalt
geschrieben von: Lina Rixgens

Fester Boden unter den Füßen. Nach zwei Wochen des Schaukelns, des ständigen Unterwegsseins, der Bordroutine. Knapp 2.000 Seemeilen liegen hinter uns, genau 14 Tage haben wir gebraucht, die Wachen wurden kälter und nasser, die Zeit ist rasend schnell vergangen. Mit 12 Knoten rauschen wir den Azoren entgegen. Die Segel stehen toll, wir haben durchgängig Krängung. Es ist ein geniales Gefühl, schönstes Segeln. Das Wetter beweist das Gegenteil, doch es ist die Stimmung an Bord, die die letzten Meilen dieses Törnabschnittes zu etwas Besonderem machen. Ein kalter Wind weht uns mit 5-6 Windstärken entgegen. Der Gipfel des Picos, dem Berg der Nachbarinsel Faials, ist umhüllt von Nebel, der Sprühregen kommt fast waagerecht. Die Stimmung ist zweigeteilt. Die Einen sind ausgelassen und freuen sich auf das Geschaffte und den Aufenthalt an Land, bei den Anderen haben diese Gefühle die Müdigkeit noch nicht vertreiben können.

Ein bunter Hafen empfing uns. Die gesamten Hafenmauern und -molen sind bemalt. Von Seglern, die den Atlantik überqueren, einen Stopp auf den Azoren machen, um dann in Richtung Amerika weiterzusegeln oder hier einen Halt machen, bevor sie ihre Weltumseglung fortsetzen. Das Peter Café Sport ist bekannter Treffpunkt aller Segler und auch Nichtsegler. Es ist faszinierend zu sehen und zu erleben, wie viele Menschen aus den verschiedensten Ländern bereits dort gewesen sind. Das gesamte Café ist zugehängt mit Flaggen, Aufklebern, Briefen für andere Segler in Form von Zetteln über der Theke. Ein Knotenpunkt. Ort des Austausches für Fahrtensegler. Ich bin gespannt auf Horta, die Azoren und die Überfahrt nach England. Ganz liebe Grüße nach Hause! Luca, ich wünsche dir einen tollen Geburtstag…
Eure Lina

Hier seht Ihr uns: Marina Webcam Horta, Faial

Philosophieren über die Bermudas hinaus

Freitag, 19. März 2010

Datum: 19. März 2010
Position: St. Georges, Bermudas
Etmal: -
Wetter: sonnig, fast karibik-warm
geschrieben von: Lina Rixgens

Ein freier Tag. Allzu viel gibt es darüber nicht zu berichten - zumal ich nur die Gestaltung dieses Tages aus meiner Perspektive beschreiben kann. Das Ausschlafen hörte bei mir bereits 1,5 Stunden vor dem Wecken auf. Richtig entspannt und lange schlafen funktioniert seit etwa 5 Monaten nicht mehr. Von einem Tag auf den anderen kann man sich nicht um 180° wenden, komplett abschalten und sich auf Knopfdruck entspannen. Dennoch habe ich versucht, diesen besonderen Tag (besonders ist er nämlich auf jeden Fall, schließlich hatten wir während der gesamten Reise bis jetzt nur 2 Tage frei; Tage, an denen wir uns selber überlegen konnten, wie wir die 24 Stunden gestalten wollten) so ruhig und entspannt wie möglich anzugehen.

Gemeinsam mit Julia und Martti verbrachte ich einige Zeit an der Ruine einer Kirche über dem Städtchen St. Georges gelegen. Hinter den pastellfarbenen Häusern und ihren weißen Dächern konnte man unten am Meer die zwei Masten der Johnny entdecken. In der nicht vollendeten, gotischen Kirche saßen wir unter freiem Himmel in der Sonne; aßen Eis, redeten und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Ob es erwähnenswert ist, dass wir uns anschließend absolut überteuerte (so wie alles auf den Bermudas überteuert ist) Pizza kauften und den Nachmittag damit verbrachten, diese zu essen, Hafenwache zu gehen und die Gelegenheit des Internets an Bord oder der Pier nutzten!? Da ich weiß, dass es mir nicht gelingen wird über den heutigen Tag mehr und kreativer zu schreiben, werde ich diesen Bericht zeitlich gesehen etwas ausweiten.

Die Zeit auf der Johnny ist wie eine Brausetablette. Mit einem Mal wird diese ins Wasser geworfen und fängt an zu sprudeln. Sie sprudelt und sprudelt, hat viel Energie, doch irgendwann hört sie auf zu sprudeln, das Prickelnde verebbt, die Reise geht zu Ende. Immer wieder merke ich, wie die Reise langsam aber sicher ihrem Ende zugeht. Noch sechs Wochen; fünf Monate - der Großteil der Zeit - liegen bereits hinter uns. Auf den Bermudas hatte ich das Gefühl, der Kreis würde sich schließen. Die Landgänge dort ähneln den ersten auf Helgoland, in Cherbourg oder Brest. Es ist etwas neues und definitiv anderes als in Deutschland, durch die Straßen St. Georges’ zu laufen. Wir machen immer noch neue Erfahrungen, lernen neue Leute und Orte kennen. Dennoch ist es nicht mehr der Höhepunkt der Reise, die Karibik, sondern der Weg zurück nach Deutschland. Vor einiger Zeit schon haben wir die Karibik verlassen, mit unserem nächsten Stopp werden wir Europa erreichen.

Ich habe noch nicht realisiert, dass diese Reise bald zu Ende sein wird, dass all diese Menschen bald nicht mehr täglich um mich herum sein werden und dass wir nicht mehr auf der Johnny leben werden. Ich kann es nicht realisieren - genau so wenig wie ich zu Beginn nicht begriffen habe, dass wir wirklich abgelegt haben und für ein halbes Jahr das bürokratische, steife und zu dieser Jahreszeit kalte Deutschland hinter uns ließen. Es passierte alles, wirklich verstanden habe ich es allerdings erst Tage, wenn nicht Wochen, später. So wird es bald wieder sein. Der Kreis wird sich schließen. Ganz liebe Grüße an Familie, Freunde und die jenigen, die mit großem Interesse unsere Berichte lesen!!
Lina