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Zwei Wochen…

Samstag, 17. April 2010

Samstag, 17. April 2010
Position:  38°35,0`N, 021°56,7`W, Kurs 60° (Nordost)
Etmal: 185 sm
Wetter:  teils sonnig, teils regnerisch, 4-5 Windstärken
geschrieben von: Mascha Ritter

Zwei Wochen noch in einer gemütlichen Koje geweckt werden.
Zwei Wochen noch viele blaue Flecken vom aus-dem-Bett-klettern bekommen.
Zwei Wochen noch ein Frühstück mit mindestens 20 anderen verschlafenen Gesichtern genießen.
Zwei Wochen noch segeln.
Zwei Wochen noch Seemannssprache.
Zwei Wochen noch in Ölzeug in der Kälte stehen und Ruder und Ausguck gehen.
Zwei Wochen noch Großwetter.
Zwei Wochen noch Messingputzen.
Zwei Wochen noch im Teegarten sitzen und Tee trinken.
Zwei Wochen noch eine stille Minute vor jeder Mahlzeit.
Zwei Wochen noch Kujambel.
Zwei Wochen noch mit ständigen Diskussionen über Querfraß und Querfilm.
Zwei Wochen noch das Geschrei der Backschafter, wenn eine Seekuh mal wieder die Kombüse durchschüttelt.
Zwei Wochen noch Mützenrunde.
Zwei Wochen noch Mittagsschläfchen.
Zwei Wochen noch Kaffe um halb Vier.
Zwei Wochen noch aus angeknacksten Muggen ohne Henkel trinken.
Zwei Wochen noch ununterbrochen mit Leuten zusammen sein, die man so gut kennt wie die besten Freunde.
Zwei Wochen noch Elefantenhäute aufdecken.
Zwei Wochen noch selbstgebackenes Brot.
Zwei Wochen noch mit dem Cheddar-Käse auf der Aufschnittplatte, den keiner isst.
Zwei Wochen noch abwaschen für 36 Personen.
Zwei Wochen noch laute Musik aus der Kombüse.
Zwei Wochen noch Gejammer über Seekrankheit.
Zwei Wochen noch gemütliche Filmabende und Zokkerrunden der Jungs.
Zwei Wochen noch vor dem Einschlafen mit fünf Mädels aus der Kammer quatschen.
Zwei Wochen noch niemals alleine sein.
Zwei Wochen noch mit nichts außer Millionen Liter Wasser um uns herum.
Zwei Wochen noch bei der Nachtwache in einen klaren Sternenhimmel schauen.
Zwei Wochen noch ununterbrochenes Schwanken von rechts nach links und umgekehrt.
Zwei Wochen noch das ständige Brummen des Generators oder Motors vernehmen.
Zwei Wochen noch ein 36m langes Segelschiff sein Zuhause nennen.
Zwei Wochen noch voller Dinge, die wir bald unglaublich vermissen werden.

Ganz liebe Grüße an Mama, Papa und den Rest der Familie
Eure Mascha

In den Nordatlantik

Montag, 22. März 2010

Datum: 22. März 2010
Position: Auslaufen St. Georges, Bermudas
Etmal: -
Wetter: -
geschrieben von: Mascha Ritter

Nach einer anstrengenden Woche auf den Bermudas, in der wir fast jeden Tag ein Programm hatten, denkt natürlich jeder, sobald es wieder los geht, nur noch an eines: Schlafen. Aber nichts da! Sobald wir aus St. Georges abgelegt haben, gibt es erstmal eine riesen Überraschung: Generalalarm! Sieben ohrenbetäubende kurze Töne, dann ein langer, durchgehender Ton. Was das heißt, ist allen klar, das haben wir lange genug geübt: alle so schnell wie möglich mit Schwimmwesten an Deck. „Feuer in der Kombüse!“ ruft man sich an Deck zu. Alle versammeln sich auf dem Vorschiff, Paul und Patric holen den Notarztkoffer. „Die Wachführer überprüfen die Vollständigkeit ihrer Wachen!“, schreit Leo über das Chaos hinweg. Doch fehlt da nicht jemand in der A-Wache?! Der Verschlusszustand eilt los und dreht alle Luken und Lüftungsschächte dicht. Die zwei Geräteträger Michel und Leo werden bereit gemacht mit Feuerschutzanzügen und Löschschläuchen ausgerüstet.

Die zwei treten durch ein Schott wieder in die Messe ein. Michel mit dem Schlauch voraus und Leo hinterher. Sie gehen bis zum Niedergang der Kombüse. „Hey da seit ihr ja endlich!“  „Ja is ja nur eine Übung, im Ernstfall hätten wir das auch noch schneller hinbekommen. Und jetzt stell dich bewusstlos, ich trag dich nach oben.“ Ich legte mich wieder auf den Boden (ich spiele während dieser Übung das Opfer) und Leo stellte ein paar Versuche an, mich den Niedergang wieder hoch zu ziehen. „Ok, ich glaub, ich helf dir doch lieber, sonst reißt du mir beide Arme aus. Sieht hier eh keiner“, sage ich und laufe bis zum Schott mit. „Ok, aber jetzt stell dich wieder bewusstlos, muss ja so aussehen als könnte ich dich auch alleine tragen.“  Draußen werde ich auf eine Trage gehoben und aufs Vorschiff getragen, wo schon Patric und Paul warten, um erste Hilfe anzuwenden. Ich bekomme eine simulierte Herzmassage und Beatmung und sie beschließen nach etwa zwei Minuten, dass mein Herz jetzt wieder zu schlagen angefangen haben soll.

Im großen und ganzen ist die Stammcrew sehr zufrieden mit unserer Feuerübung, da jeder seine Position und Aufgabe kannte und alles geklappt hatte. Etwa eine Stunde später kommen wir zum Bunkern im Dockyard an, auf der anderen Seite der Inselkette. Dort haben wir noch einmal Zeit, in das kleine Einkaufszentrum zu gehen. Als wir dann endgültig abgefahren sind, gibt es wie bestellt zum Abschied, etwa 500 Meter von den Inseln entfernt, noch eine kleine Show von zwei Buckelwalen, die für uns ein paar Springeinlagen vorführen. Jetzt steht für uns der Nordatlantik auf dem Programm. Für mich beginnt heute ein neues Kapitel der Reise. Der letzte Teil, auf den ich mich eindeutig am wenigsten gefreut habe. Bei dem Gedanken an das raue Meer wird mir schon mulmig und wenn ich mir ausmale, wie wir bei Sturm und Regen im nassen Ölzeug vier Stunden lang Nachtwache gehen… Doch dann sind es nur noch gute 5 Wochen und die Reise ist vorbei, alles lebt nur noch durch Erinnerungen und Erzählungen. Na klar, jeder hier sehnt sich gerade jetzt unglaublich danach, endlich seine Familie und Freunde wieder zu sehen und ist bestimmt erstmal froh, wieder zu Hause zu sein. Doch wenn man dann zurück denkt, ist die Erinnerung bestimmt überwältigend. Es gibt tausend Dinge, die einen hier Tag für Tag stören, über die man sich immer aufregt. Manchmal könnte man noch mehr essen oder man ist vor allem an Land ständig übermüdet und gestresst, weil man nicht genug Schlaf bekommt; es gibt andauernd Streitereien untereinander, aber das sind nicht die Dinge, die lange im Gedächtnis bleiben. Wir haben in so kurzer Zeit so viel von der Welt gesehen, über jede einzelne Woche unseres Törns könnte man ein Buch schreiben, und dennoch würde wahrscheinlich kaum jemand, der nicht selber dabei war verstehen, wie prägend diese Zeit ist.
Eure Mascha