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Fotoalbum

Montag, 26. April 2010

Datum: 26. April 2010
Position: 49° 59,11′N; 000° 10,12′W
Wetter: KALT
Etmal: 137 Seemeilen
geschrieben von: Muriel Benz

Bild 1 (Aufgenommen vom Niedergang zum Achterschiff in die Messe 11:35 Uhr)

Um einen Tisch sitzten neun Menschen. Jeder hat ein vollen Teller vor sich stehen. Es sieht nach Spagetti Bolognese aus. Ein Junge hat den Salzstreuer in der Hand und lacht. Gegenüber von ihm sitzt ein Mädchen und beugt sich tief über ihren Teller. Sie trägt einen roten Pullover. Der Mann am Tischende, welches sich im Vordergrund befindet, sieht älter aus, als der Rest. Obwohl er mit dem Rücken zu uns sitzt, erkennt man seine linke Hand, die auf die Mitte des Tisches zeigt. Dort stehen zwei Schüsseln, ein Kanister und der Salzstreuer. Im Hintergrund kann man durch ein Bulleye das Wasser sehen. Scheint gutes Wetter zu sein.

Bild 2 (Aufgenommen vom Steuerbordschen Dinghi auf das Achterschiff 14:52 Uhr)

Das Mädchen vom Mittagstisch sitzt jetzt um den Großmast gebeugt. Den roten Pulli verdeckt die Ölzeugjacke, die sie trägt. In der rechten Hand hält sie einen Pinsel, neben ihrem linken Knie steht ein Farbeimer. Angesichts der Tatsache, dass einige Stellen weißer sind, als der Rest ist davon auszugehen, dass sie den Großmast neu streichen soll. Vielleicht auch nur die Roststellen? Das Großsegel ist geborgen, vermutlich auch die restlichen Segel. Um das Schiff ist blaues Wasser. Es fährt wahrscheinlich mit Motor. Die Sonne spiegelt sich im Wasser, es sieht warm aus. Links im Bild sitzt ein Mädchen in gelbem Ölzeug und putzt einen Wasserschlauch. Ihrer Gesichtsfarbe nach zu schließen hat sie entweder einen Sonnenbrand oder es ist ihr gehörig warm. Im Hintergrund sind noch zwei ältere Männer zu sehen. Sie schauen auf den Horizont, der eine hat ein Fernglas in der Hand. Neben der Brücke sieht man einen Jungen im Blaumann und mit einem Eimer in der Hand den Niedergang zur Messe hinunter schauen.

Bild 3 (Aufgenommen vor dem Kühlschrank Backbord in der Messe in die Messe 19:40 Uhr)

25 Leute sitzen eng aneinander auf den Bänken. Einige melden sich. Ein Junge im weißen T-Shirt scheint zu sprechen, er hat den Mund auf und schaut sich um. Hinten in der Ecke hat ein Junge einen Zopf, der wegen seiner kurzen Haare aussieht wie eine Palme. Vor ihm ist ein zugeklapptes Mac-Book. Im Niedergang zum Achterschiff steht eine junge Frau. Man sieht nur ihren Kopf, den sie dem Jungen im weißen T-Shirt zugedreht hat. Auf dem Tisch auf Steuerbordseite stehen drei Kuchen. Einer mit Kiwi und Pfirsich, einer nur mit Pfirsich und auf dem anderen scheint Sahne oder etwas ähnliches zu sein. Keiner der Kuchen ist angebrochen, Teller und Gabeln stehen bereit. Viele sehen gelangweilt aus, manche aber auch höchst erregt.

Bild 4 (Aufgenommen vom Steuerbordschen Tisch in der Messe in die Messe 22:34 Uhr)

Rechts im Bild steckt ein Junge seinen Laptop ein. Er hat nasse Haare und ein blaues T-Shirt an. Vermutlich gerade frisch geduscht. An dem großen Tisch Backbord stehen fünf aufgeklappte Laptops. Nur bei einem sieht man auf den Bildschirm. Der Junge mit dem weißen T-Shirt sitzt davor. Seine blonden Haare verdecken den Großteil des Bildschirmes. Zu sehen ist aber trotzdem eine Landschaft, ein rosa Blitz, ein Drache und ein Kästchen mit Zahlen. Mit dem Gesicht nach vorne sitzt ein braunhaariger Junge. Sein Blick ist starr auf seinen Bildschirm gerichtet und seine rechte Hand hält krampfhaft die Maus umklammert. Ein Junge und ein Mädchen sitzten mit dem Rücken in Richtung Vorschiff. Das Mädchen guckt auf ihren Bildschirm, der Junge hält sie im Arm. Die anderen zwei Jungs sitzen ähnlich da, wie der braunhaarige Junge. Konzentriert, mit stierem Blick und Hand an der Maus. Auf dem Tisch steht eine silberne Schüssel und ein Buch liegt davor. An der Wand sieht man ein Bild von “Johann Smidt” mit einem kurzen Lebenslauf darunter. Links daneben hängt ein Blatt mit der Aufschrift “Heute: Gamesconvention 2010, Treffpunkt Messe! 19:00 Uhr! Ruft eure Atzen an”. Eine Mehrfachsteckdose ist in die Steckdose eingesteckt und vollständig belegt. Alle Bulleyes sind geöffnet, es ist dunkel draußen.
Muriel

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Mittwoch, 31. März 2010

Tag: 31. März 2010
Position: 34°33,9′N, 042°05,7′W, Nordatlantik
Etmal: 158 sm
Wetter:    Luft 18°C (windgefühlte 10°), b/o (teilweise bewölkt)
geschrieben von: Muriel Benz

“Was stört dich am Schiffsleben am meisten?”, “Mit was muss man auf 36 Metern mit 36 Menschen umgehen lernen?”, “Gibt es etwas, was es zu Hause nie geben würde?”. Die Antwort auf solche Fragen wird oft mit “Es gibt keinerlei Privatsphäre!” beantwortet. Die Koje ist in der Kammer, die mindestens zu viert, meistens aber mit mehreren bewohnt wird. Das Benutzen der Türklinken wurde zwar mühsam gelernt, das rein und raus gehen und Schranktüre auf und zu machen bleibt aber trotzdem nicht unbemerkt. Jeder wird am Tag durchschnittlich zweimal gesucht (ausgenommen zur Wache oder zum Essen), der „Bus“ = Koje (meistens Handtücher o.ä. über einer Schnur vor der Koje) bleibt selten drei Stunden am Stück unbewegt. Die Messe ist auch offiziell ein “Aufenthaltsraum” oder auch “Gesellschaftsraum”, so dass hier Ruhe nicht zu erwarten wäre. Das Klo kann eine kurze Verschnaufpause bieten, aber spätestens nach fünf Minuten wird die Türklinke runter gedrückt, als Zeichen, dass noch andere dort mal ihre Ruhe wollen. So kommt es, dass jeder die Landaufenthalte und die Pier genießt, auch deshalb, weil man sich in Sichtweite des Schiffes ALLEINE bewegen kann/darf.

Um seine absolute Einsamkeit zu bekommen, muss man aber nicht erst ein aufwendiges Anlegemanöver, das darauffolgende, meist langwierige Einklarieren und das Befestigen der Gangway hinter sich bringen. Der erste Ort, an dem man sich ungestört seiner Selbst widmen kann, ist fünf Niedergangstufen unterhalb der Messe. Um keine falschen Behauptungen aufzustellen bin ich selbst in den Trockenschrank gestiegen. Mit einer etwas gekrümmten Haltung wegen der Wäschestangen, könnte man hier prima Tagebuch, Briefe oder auch Tagesbericht schreiben. Auf der Suche nach Inspiration würde man allerdings nur auf noch nasse Geschirrhandtücher, den penetranten Geruch nach Gammel/Socken oder den eintönigen Lärm der Maschine stoßen. Vom Lärm der Messe hört man dafür nichts. Durch den handbreiten Schlitz zwischen Türe und Wand wäre es möglich, einem etwas Essen und vielleicht sogar Trinken zu reichen. Das Annehmen dieser Güter wäre schon schwieriger. Zwischen Unterkörper und Türe gibt es keinen Platz mehr und durch die Wäschestangen ist man auch mit dem Oberkörper nur bedingt bewegungsfähig. Den Griff nach hinten oben schaffen, auch ohne die etwas gezwungene Haltung, nur sehr wenige Menschen. Von außen lässt sich das Licht ein- und ausschalten. Schließlich würde man auch im Trockenschrank die Tages- und Nachtzeiten mitbekommen wollen. Die 4-8 Wache könnte immer am Ende ihrer Wache vorbei gehen, Licht an oder aus machen und bei der Gelegenheit, je nach Außentemperatur, die Heizung ein oder ausschalten. Das Essen würde die 8-12 Wache übernehmen. Vermutlich würde es nicht soweit kommen, da der Seegang einem die ganze Zeit die unteren Wäschestangen in den Bauch rammen würde und man deshalb doch lieber wieder unter Menschen sein würde.

Eine weitere Möglichkeit befindet sich ca. fünf Schritte weiter, direkt vor dem Backbord-Klo. Ein unscheinbares Kämmerchen unter dem Niedergang der Brücke. Auf dem ungefähr 80cm Türchen ist ein Schild befestigt mit der Aufschrift “Staubsauger” und darunter klebt ein Klebebandstreifen, auf welches “Müllsäcke” geschrieben ist. Lässt man sich davon nicht abschrecken, wirft man einen tieferen Blick in dieses, zugegeben enge (dafür aber ziemlich hohe), Kämmerchen und verstaut man den Staubsauger wo anders, dann könnte man merken, wie gemütlich es darin zu sein scheint. Eine etwas umständliche und ungewöhnliche Bewegungsabfolge bringt einen dann in diesen definitiv einsamen Raum. Die einzige Möglichkeit hier Kontakt nach Außen aufzunehmen ist, die Sicherungsklappe von innen runterzunehmen. Man hat dann direkte Verbindung ins Klo. Stehen ist bis zu einer gewissen Größe auch machbar, so dass man sich sogar ein wenig bewegen könnte. Das Getrampel über einem (die Treppen, ihr wisst schon) würde man mit der Zeit bestimmt ausblenden. Licht gibt es nicht, aber meistens ist das auch nicht wichtig, wenn man für sich sein möchte. Warum wird diesen Räumen nur so wenig Aufmerksamkeit geschenkt? Warum werden sie nur als praktische Staukammern angesehen? Gibt es niemanden, der diese zweite Option schon vor mir bemerkt hat? Liegt es nicht nahe, dass man in Räumen, die nach außen abstoßend wirken, alleine ist? Was sollen diese Beschwerden dann? Wer wirklich alleine sein möchte, der findet eine Möglichkeit. Nicht umsonst heißt es “Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!”.
Muriel

P.S.: Die letzten Grüße über meinen Tagesbericht gehen an: Aly (weißt du noch, vor einem Jahr am ersten April in Musik? Dein Herzinfakt :)) Ich vermisse dich schrecklich. Meine Klasse, die mich in einem Monat wieder ertragen muss =) Meine Familie, zu der ich bald mit großer Freude zurückkehren werde
und an Lara.

P.P.S.: Achso, nein, ich sitze weder im Trockenschrank, noch im Staubsaugerschränkchen. Ich schreibe mein Tagesbericht ganz gewöhnlich in der Messe. Die “Stillen Örtchen” habe ich davor getestet!