Archiv für Mai 2011

Abschiedsrede HSHS 2010/2011

Montag, 23. Mai 2011

Heute ist Freitag der 13, der einzige in diesem Jahr. Für einige Abergläubige ist das eher beängstigend. Für mich aber überhaupt nicht, denn ich bin an einem Freitag den 13. zur Welt gekommen, ein Glücksdatum also, zumindest für mich. Für uns stellt der heutige Freitag auch ein besonderes Datum dar, an dem es aber weder um das Datum an sich noch um mich gehen soll, sondern um euch, um uns. Das „Wir“ ist entscheidend. Denn in den letzten 205 Tagen, ähm … nein, in den letzten 211 Tagen konnten wir das immer wieder erleben und genau das macht diese Reise aus. Wäre es anders, würde keiner von uns wegen des morgigen Endes der Reise solch einen Klos im Hals spüren und mir beim Schreiben dieser Sätze nicht die ersten Tränen in die Augen schießen. Heute ist also der Abend vor dem großen Finale auf das alle gewartet haben, auch wenn es die Meisten doch nicht so recht wahr haben wollen. Morgen werden wir unseren Lieben nach sieben Monaten wieder um den Hals fallen. Ab morgen wartet wieder die reale Welt auf uns mit all ihren Vorzügen, Verpflichtungen und Herausforderungen. Glaubt nicht, dass ihr nun alles könnt oder gar etwas Besseres seid, nur weil ihr bei High Seas mitgefahren seid. Das Leben bietet noch viele Überraschungen und High Seas ist nur ein Teil davon. Aber ich will nicht mit drohendem Zeigefinder wedeln. Heute ist schließlich unsere letzter Abend an dem wir zum letzten Mal in vertrauter Runde zusammen sitzen. Ab morgen wird es das so nie wieder geben. Schreckliche Vorstellung. Deshalb möchte ich die Zeit nutze und den Blick zunächst auf unsere gemeinsamen Erlebnisse richten. Denn wir haben eine ganze Menge erlebt, wovon andere nur träumen können und dieses Privileg sollten wir uns bewusst vor Augen führen.

Wir haben in den ersten Tagen gemeinsam die Johnny mit allerlei Proviant, Segeln, Rettungsinseln usw. beladen, um sie seeklar zu machen. Wir haben uns von unseren Familien und Freunden verabschiedet, in dem Wissen, dass wir sie für über ein halbes Jahr nicht sehen werden, was uns allen schwer viel. Wir haben die stürmische Nordsee durchquert, mit den dazu gehörigen Ausfällen bzw.  Auswürfen und uns bei der Ankunft in England wie große Seefahrer gefühlt. Seebeine inklusive. Wir haben in Brest fast eine ganze Woche ausgehalten und das Beste aus der Zeit gemacht. Ich erinnere nur an die diversen Gruppenspiele, die trotz Regen sehr spaßig waren. Wir haben gemeinsamen gelacht als Arno glaubte, er habe das Unterwasserhandy erfunden und mit ihm ins Hafenbecken fiel. Wir sind auf Madeira entlang der Levadas im Nebel gewandert. Auf Teneriffa haben wir den Teide bestiegen und sind als eine von wenigen High Seas Gruppen vollzählig auf dem Gipfel angekommen. Wir haben gelernt, uns an Bord zurechtzufinden. Sei es auf der Wache, im Unterricht, in den Kammern oder in der Kombüse. Wir haben den Atlantik überquert und uns dabei viel Zeit gelassen. Wir haben miterlebt, wie sich Antje verletzte und mit dem Hubschrauber abtransportiert werden musste. Tage- und wochenlang haben wir zusammen um ihre Gesundheit und Wiederkehr gebangt und uns gegenseitig Mut zugesprochen.

Wir haben viele Stunden Unterricht zusammen erlebt. Weitere Kommentare dazu spare ich uns. Wir haben die Premiere des großartigen Film „Das Haus vom Nikolaus“ gefeiert. Nach 29 Tagen auf See haben wir Freudentänze auf der Pier in Barbados aufgeführt und so begeistert wie noch nie den Müll weggebracht. Wir lernten gemeinsam das Tauchen im türkisfarbenen Wasser der Korallenwelt um Curacao und später auf Utila. Wir feierten zusammen Weihnachten und Silvester fernab unserer Familien und Freunde und trotzdem war es familiär und wunderschön. Und dann gab es noch die ganzen Landaufenthalte in der Karibik mit vielen, vielen Erlebnissen, auf die ich aus Zeitmangel nicht eingehen werde.

Diese Liste ließe sich aber sicher noch fast unendlich lange vorsetzen. Was bleibt ist jedenfalls immer wieder das gemeinsame Erlebnis, meist erfreulich, manchmal tragisch. Ich weiß nicht, wie es euch ergangen ist, wenn ihr Postkarten oder Mails geschrieben oder nach Hause telefoniert habt. Ich jedenfalls war schon nach kurzer Zeit gar nicht mehr in der Lage, von MEINEN Erlebnissen zu sprechen, sondern habe erzählt, was WIR gemacht haben. Zum Beispiel bin nicht ICH über den Atlantik gesegelt sondern WIR sind über den Atlantik gesegelt usw. Natürlich ließe sich auch für jeden Einzelnen von uns eine Liste aufstellen, mit unseren ganz persönlichen Erfahrungen. Der Eine kann vielleicht jetzt besser kochen, die Andere hat ihre physischen Grenzen erfahren und in wieder einem Anderen wurde vielleicht klarer was er beruflich später einmal machen möchte. Diese Entwicklungen der Persönlichkeit sind extrem wichtig und natürlich auch ein Ziel von High Seas aber all das könnte nicht funktionieren, wenn wir nicht als Gruppe unterwegs sind bzw. ab morgen waren. Keiner von uns wäre überhaupt irgendwohin gesegelt, geschweige den über den Atlantik gekommen, hätten wir nicht zusammen die Segel gesetzt und geborgen, in Schichten Wache gegangen und abwechselnd das Essen zubereitet. Vergesst das nicht. Das ist wie in der Biologie: Wir sind mehr als die Summe unserer Teile. Und was ist auch nicht vergessen solltet, ist das, was ich bei der Vorstellung von uns auf die Homepage geschrieben habe. Mein Wunsch war und ist es nämlich, dass „wir eine erlebnis– und lehrreiche Zeit verbringen werden, die uns zu einer harmonischen und gut funktionierenden Gruppe zusammenwachsen lässt.“ Und eine Reise ist dann am Schönsten  wenn sich Freundschaften bilden, die auch lange nach dem eigentlichen Ende unserer High Seas Zeit bestand haben. Und wie ich uns so einschätze, wird uns das gelingen.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle schon mal anmerken, dass, falls ihr mal durch oder gar nach Hessen bzw. Gießen reist und vielleicht sogar einen Schlafplatz benötigt, ihr immer herzlich willkommen seid. Es war eine wunderbare Zeit mit euch, kleine Unannehmlichkeiten sind längst vergessen und dafür möchte ich mich bei euch allen bedanken. Ein Dank geht aber auch an die vielen Mitglieder von Clipper, die uns begleitet haben und ohne die das Segeln nicht möglich gewesen wäre. Größten Dank hierbei besonders an Robert und Antje, die hier nicht nur ihren Dienst machten, sondern über die lange Zeit auch Teil der Gruppe geworden sind. Danken möchte ich auf den Hartwig und Jan Henke  ohne die HSHS nicht existieren bzw. funktionieren würde. Jeder einzelne von euch sollte sich auch bei denjenigen Bedanken, die euch diese Reise überhaupt ermöglicht haben, das ist nicht selbstverständlich. Und - last but not least - geht ein besonders großer Dank an meine drei herrlich bekloppten, unkomplizierten Kollegen, mit denen ich liebend gerne zusammengelebt habe und ohne die ich meine Arbeit als Projektleiter nicht hätte machen können. Vielen Dank euch allen, für diese sieben „wunderguten“ Monate.

Bevor ich euch und die Verantwortung morgen wieder an eure Eltern übergeben muss, ich habe leider keine Wahl sonst würde ich euch nämlich nicht so einfach ziehen lassen, möchte ich die Rede noch mit einem alten Spruch aus meiner aktiven Zeit als Pfadfinder beenden, weil er mir viel bedeutet und es auf den Punkt bringt, was uns hoffentlich auch in Zukunft verbindet: „Wir lösen das Band der Hände, das Band der Herzen bleibt bestehen.“
Vielen Dank, ich werde euch vermissen.
Jan Guckes Projektleiter HSHS 2010/2011

PS: Die Reise deines Lebens besteht nicht nur darin, neue Welten zu suchen, sondern seine eigene mit offenen Augen zu betrachten.

Abschied!

Samstag, 14. Mai 2011

Datum: 14. Mai 2011
Position: Hamburg
Wetter: Bewölkt und Platzregen im Mississippi
Etmal: 12 sm
geschrieben von: Heepke Apel

Ein letztes Mal Ankerwache gehen… Ein letztes Mal großes Wecken… Ein letztes Mal gemeinsam Frühstücken! Der letzte Tag auf HSHS! Er begann für mich mit Ankerwache von 4-5 Uhr. Auf der Elbe, und andauernd fahren Schiffe vorbei und im Funk ist gut was los. Menschen, die sich grüßen und einander eine gute Fahrt wünschen. Nach der Wache noch einmal in die Koje hüpfen und auf das Wecken warten. Ein wunderbares Frühstück gab es! Denn wir haben von allem genügend gehabt… Cornflakes, Haferflocken, Marmelade, Nutella und Honig! Alles, was es sonst nur rationiert gab. Nach dem Frühstück begann das große Aufräumen! Wenn man Arno zitiert: „Alles muss sauber werden!“  Um neun Uhr hieß es auch schon „Anker auf“ und weiter die Elbe hinauf. Gegen 10 Uhr passierten wir die Landungsbrücken und wurden, ebenso wie wir verabschiedet wurden, mit der deutschen Nationalhymne begrüßt. Fast alle waren an Deck, und Philip erspähte durch das Fernglas sogar seine Familie. Vor uns lag nun schon der Containerhafen von Hamburg.

Die Spannung wurde spürbar an Bord und als es dann hieß, dass wir in die Masten dürfen, waren viele kaum noch zu halten. Nun sahen wir den,  Sandtorkai vor uns und damit unsere Familien und Freunde direkt voraus. Die Brücke war aufgeklappt und wir konnten einlaufen. An der Pier warteten schon Hartwig Henke, Christina Rau (Ehefrau des ehemaligen Bundespräsidenten Rau), Nico Kern, Norbert Bury, sowie Sabine und Hans-Christoph Kay, um den offiziellen Teil der Begrüßung zu übernehmen. Nachdem sie alle etwas erzählt hatten, beispielsweise Hartwig Henke, der uns eröffnete, dass wir ein Rekord-HSHS erreicht haben. Wir waren die längste Zeit am Stück auf dem Wasser (30 Tage), wir waren die längste Zeit insgesamt unterwegs (213 Tage), waren im Durchschnitt der jüngste Törn und haben mit 16.952 Seemeilen am meisten Strecke zurückgelegt. Als Überraschung gab es erstmals für jeden Schüler und auch die Lehrer sowie Hartwig Henke eine Medaille verliehen. Als dann auch Laura und Aline im Namen der Schüler ihre Rede gehalten hatten, kam endlich der kurze Ton mit dem Typhoon, der signalisierte, dass wir von Bord durften.

Ruckzuck war das Schiff verlassen und Schüler sowie Lehrer lagen ihren Familien und Freunden in den Armen. Nach einer halben Stunde hieß es aber auch schon wieder Abschied nehmen… Für eine Stunde, in der wir das Schiff zum Mississippi überführten. Dort wurden wir von einem Platzregen begrüßt, aber natürlich auch von unseren Familie und allen, die da waren. Dort wurde alles entladen. Versorgt wurden alle an einem kleinen Büfett, welches Familie Kay und meine Familie vorbereitet hatten. Hier noch einmal einen ganz lieben Dank von uns allen. Gegen sechs Uhr ging es dann ans Verabschieden, bei dem keiner weiß, für wie lange… Es war eine unglaubliche Reise! Mit unendlich vielen neuen Eindrücken, Erlebnissen und mit bleibenden Erinnerungen. Es war: Wundergut, Wunderlecker und Wunderviel! Ich freue mich, dass ich am Abreisetag und auch am Ankunftstag den Tagesbericht schreiben durfte! Und ich danke natürlich noch einmal hier meinen Eltern, ohne die diese Reise nicht möglich gewesen wäre!

Und dieses Mal grüße ich keine Freunde, denn euch sehe ich spätestens in der Schule. Ich grüße alle Mitfahrer! Arno, Jan, Barbara, Claudia, Markus, Fenja, Fine, Jannis, Isa, Miriam, Charly, Emma, Karo, Lotti, Laura, Aline, Ani, Aaron, Gunnar, Niels, Adi, Steph, Jasper, Jakob, Robi, Philip, Josh, Paul, Antje, Robert und am meisten Flo! Danke, für diese unvergessliche Zeit!
Eure Heepke