Wie gut wir es doch eigentlich hier haben
Sonntag, 12. Februar 2012 12:44
Datum: 12. Februar 2012
Position: kurz vor Utila
Wetter: Sonnenschein
Etmal: viele Seemeilen
geschrieben von: Pauline Diercks
Die Sonntage sind etwas wirklich Feines hier an Bord. Wir hatten ein großartiges Frühstück mit Pfannkuchen und köstlichem Brot. Dazu gab es Nutella und die superleckere, selbst gemachte Apfel-Zimt-Marmelade von Carens Mama. (An meine Mama: Deine Quittenmarmelade ist auch fast genauso lecker, doch Apfel-Zimt bringt die Geschmacksnerven in Partystimmung! Ich werde deine dennoch immer am liebsten essen. Keine Angst ;D ). Als wir dann alle gestärkt waren, setzten wir die Segel, denn es war wieder etwas Wind aufgekommen. Unsere neu gewählten Schülersteuerleute verteilten die Aufgaben. Alina machte dies sehr professionell. Die kleinen, schlaksigen, aber dennoch starken Jungen an das Großfall, die flinken Mädchen schickte sie oben auf das Brückendach, um dort die Zeiser zu lösen. Danach noch das eine Backstag lösen und Schot und Bullen sowie das Steuer besetzen. Nun konnte das Manöver gestartet werden. Die anderen Wachen waren auch bereit, also drehten wir in den Wind und begannen von achtern nach vorne die Segel hochzuziehen. Alina gab die Kommandos und alle hörten auf das leise Stimmchen der Schweizerin in ihrem Kleidchen. Natürlich bekam sie ein bisschen Unterstützung von dem richtigem Steuermann Günter. Meiner Meinung nach machten wir das aber schon so gut, dass sie diese Hilfestellung fast nicht mehr nötig hatte.
Nun waren alle Segel gesetzt und der letzte Trimm am Großsegel wurde von mir mit Hilfe des Kapitäns gemacht. Fertig war unsere Arbeit, nun ließen wir den Wind wieder für uns arbeiten und genossen unsere Freiheit. An den Sonntagen merkt man erst, wie schön das Segeln eigentlich ist. Diese neugewonnene Freiheit spürt man nicht so oft an Bord, durch die vielen Aufgaben, Verpflichtungen und Regeln, die notwendig für ein Zusammenleben sind, wird die eigene Freiheit meist hintenangestellt. Das ist schade, denn wenn man sich vorne an den Bug setzt, spürt man die Freiheit. Man lässt einfach den Wind durch seine Haare wehen und schaut auf die Weiten des Meeres. Bei Sonnenschein glitzert es in allen nur vorstellbaren Blautönen. In der Nacht sieht man unglaublich viele Sterne und, wenn man Glück hat, das Meeresleuchten und die eine oder andere Sternschnuppe. Das ist einfach wundervoll. Erst hier habe ich bemerkt, wie großartig die Natur wirklich ist; auf was für einen schönen Planeten wir leben, den wir aber auch leider immer weiter zerstören. Ich sitze also ein paar Minuten vorne am Bug und genieße das schöne Wetter, den Wind und die salzige Seeluft und freue mich einfach, dass ich hier sein darf!
Ich vermisse euch zuhause alle schrecklich doll, dennoch bin ich so froh über meine Entscheidung, diese Reise zu machen. Auch wenn es ab und an Probleme gibt, die wir regeln müssen. Man lernt so vieles auf eine so tolle Art und Weise und es gefällt mir so gut hier, dass ich manchmal hoffe, dass diese Reise nicht bald schon wieder vorbei ist. Trotzdem hätte ich nichts gegen einen Zwischenstopp bei euch zu Hause. Ich würde zu gern mal wieder unter einer warmen Dusche stehen, bei der der Duschkopf größer als meine Minifaust ist, und ich hätte auch nichts gegen ein großes Bett einzuwenden. Ich habe euch alle sehr lieb und hoffe, ihr denkt genauso oft an mich wie ich an euch. Mama und Papa, es tut mir leid, dass ich mich nicht so oft melde, aber ich erlebe hier so viel, dass ich kaum Zeit habe anzurufen. Ich werde mich aber bessern. Versprochen!
Pauline
12 kurzweilige Tage Hundewache. Die Nächte auf dem Atlantik sind ganz und gar nicht langweilig. So fielen in unsere Wachen z.B. die Betankung eines Katamarans, der in der Flaute zu verhungern drohte, das Überholen einer Segelyacht, die sich, vor uns fahrend, für keinen festen Kurs entscheiden konnte, das Aussegeln eines Gewitters, dessen Randschauer uns zur Erfrischung willkommen war oder das zum Greifen nahe Passieren einer Ocean Data Acquisition System Buoy - einer Messdatensammeltonne. Und besonders die Durchfahrt vom Atlantik in die Karibik zwischen Martinique und St. Lucia incl. Suche einer dann doch nicht vorhandenen Tonne und Ausweichmanöver zu einem entgegenkommenden Segler. Meine mich unterstützenden Wachgänger dieser Wache - vom Charakter ganz anders als meine vorigen Wachgänger - machten zunächst den Eindruck, als wären sie hier an Bord, um Party zu machen. Aber wenn es dann bei den Manövern und beim Ausguck auf sie ankam, bewiesen sie, dass ich mich auf sie verlassen konnte.