Samstag, der 28. April

Datum: 28 April 2012
Position:
50°59,4′N  001°37,2′E
Etmal:
135 NM
Wetter:
sonnig, nebelig, Luft 10°C
geschrieben von:
Lena Küchenhoff

Heute ist Samstag, der 28. April 2012. Das heißt, in genau einer Woche werden wir wieder…es ist schwer zu sagen, wo wir dann sein werden. Denn das Wort Zuhause, genauso wie das Wort Familie ist in den letzten 7 Monaten für mich zweideutig geworden. Ich kann schlecht sagen, dass ich dann zu Hause bin, weil die Johnny genauso mein Zuhause geworden ist. Ich kann auch schlecht sagen, dass ich dann wieder bei meiner Familie bin, denn eine andere, meine zweite, verlasse ich. Nun ja…in genau einer Woche ist die Reise jedenfalls zu Ende. Auch hier weiß ich nicht, ob ich mich freuen soll, oder nicht. Ich bin total durcheinander. Natürlich freut man sich auf seine Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandten. Auf sein warmes, gemütliches Bett; auf eine heiße Badewanne; einenKühlschrank, von dem man sich jederzeit bedienen kann; auf einen Tag, an dem man ausschlafen kann; darauf, sich wieder zu bewegen und Sport zu treiben, etc. Doch es gibt auch so viele Dinge, die man vermissen wird. Heute war das letzte Mal Großreinschiff, ich hatte zum letzten Mal Grünen Plan, dies ist mein letzter Tagesbericht…O.k., vielleicht sind das nicht unbedingt die Dinge, die ich vermissen werde. Doch was ich vermissen werde, sind auf jeden Fall die Leute, die ich wohl mittlerweile besser kenne, als man glaubt.

Doch auch das frühe Aufstehen am Morgen um 4 Uhr, die Wache, das Steuern, das Großwetter machen für den Deutschen Wetterdienst, das Frieren und In-der-Nässe-stehen. So sehr ich es manchmal gehasst habe, so sehr werde ich es zu Hause vermissen. Die Backschaft, das Kochen und Backen für 35 Personen, die Dusche als Belohnung für den harten Tag in der Kombüse. Aber auch den Unterricht in Hängematten oder an kalten Tagen mit Kissen und Decke. Geheime Kombüsenparties, Spielabende, Filmtage oder das abendliche Sportprogramm mit Corinna. Aber natürlich auch den Sturm, den ich über alles liebe [solange er nicht zur echten Bedrohung wird]. Hohe Wellen über den Kopf bekommen, von oben bis unten nass sein, den ganzen Tag mit Ölzeug herumlaufen. Den Wind, die Wellen, das unendliche Blau. Die Wale und die Delfine, die vielen fliegenden Fische. Die All-hands-Manöver, bei denen alles stehen und liegen gelassen werden muss, das Segelwechseln und das Klüverabschlagen, das Wenden fahren. Mit Hilfe der Koordinaten den Ort in die Karte eintragen, die Wachübergabe. Das Zählen der Lebensmittel in der Proviantlast, das Wäsche waschen mit der Hand. Das Generatorgeräusch im Hintergrund oder auch das Klirren der Tassen und Töpfe und die ständige Hintergrundmusik der Kombüsenboxen. Das Schlagen der Wellen und des Ankers und das Reden der Leute, bei dem man wunderbar einschlafen kann. Das rollende Schiff, das hoch und runter stampft und hin und her schaukelt, dass man immer wenigstens eine Hand zum Festhalten  braucht. Die Freude auf die gemeinsamen Landaufenthalte und den Telefonempfang.

Es gibt so viel Dinge, die ich vermissen werde, und ich bin echt gespannt, wie es sein wird, wieder zu Hause zu sein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, erst zur Schule hinlaufen zu müssen, kein Generatorhintergrundgeräusch mehr zu hören, nicht mehr ständig so viele Leute um sich zu haben oder auch einfach nicht mehr den ganzen Tag lang in Gummistiefeln herumzulaufen. Ich habe keine Ahnung, wie es zu Hause sein wird. Doch eines weiß ich sehr wohl: Diese Reise war die beste Zeit meines Lebens, und ich habe jeden einzelnen Moment genossen. Diese Momente kann mir keiner nehmen. Es war eine unvergessliche Zeit, an die ich mich auch noch in vielen, vielen Jahren erinnern werde.

Eure Lena

P.S.: Ich grüße meine Familie. Ich habe euch ganz doll lieb. Und Johannes…was fällt dir eigentlich ein, mir über den Kopf zu wachsen. Kimmi, Nellie, Lola und natürlich Boris ;) ihr fehlt hier wirklich sehr. Ich habe euch lieb und vermisse euch <3

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Autor: admin
Datum: Samstag, 28. April 2012 10:29
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