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Kampf der Titanen

Samstag, 14. April 2012 12:28

Datum: 14. April 2012
Position: 38° 33,5′ N; 028° 52,1′ E
Wetter: Wasser 17°C, Luft 18°C, Wind N, 3 Bft., blue sky, 1030 hPa
Etmal: 168 M
geschrieben von: Caren Zeiger

Einen schönen guten Abend wünsche ich! WICHTIGE NACHRICHT: Zeitumstellung (+1 h) 23.00-24.00 Uhr Bordzeit. Ich stand auf und ging, nachdem ich mir zwei Hände voll kaltes Wasser ins Gesicht geklatscht hatte, an Deck. Am Horizont zeichnete sich ein merkwürdiger Schatten ab, der aussah wie ein Kegel. Davon verwirrt, tauchte ich wieder ab. Nach einem ordentlichen Frühstück arbeiteten wir – d.h. Lena H., Robert und ich – an unserem Projekt weiter. Nachdem viele Experimente schief gegangen waren und manchmal gerade noch von äußerst hilfsbereiten Persönlichkeiten, wie Melvin, gerettet wurden, hieß es aufräumen. Alle Versuchsaufbauten zurück in die Schränke und das Werkzeug ebenfalls in die entsprechenden Schubladen sortiert. Über eine Deckspause am Nachmittag freuten wir uns. Ich wohnte einer Besprechung bei, und als diese endete, waren wir auf ca. 50 Meter an Pottwale herangekommen! Dabei entstanden ganz wundervolle Fotos. Nach etwa zehn Minuten tauchten die gemütlichen Riesen wieder ab. Nun wurde meine Aufmerksamkeit wieder auf das Phänomen am Horizont gelenkt: Es hatte sich ausgebreitet! Und Angst breitete sich unter den Schülern aus.

Um nach unserem Langzeit-Experiment zu schauen, ging ich zurück unter Deck. Mein Kollege machte mich darauf aufmerksam, dass wir um eine Stunde die Uhr umgestellt hatten, was bedeutete, dass gleich das wichtige Meeting mit dem Vorstand stattfinden würde. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen, der Vortrag das letzte Mal verfeinert und der Versuchsaufbau in der Messe präsentiert. Durch unsere ganze Arbeit hetzte der Vorstand durch. Es dauerte keine halbe Stunde, bis sie wieder gingen. Frustriert machten wir uns ans Aufklaren. Dann, gegen halb fünf (neuer Zeit), hieß es: „Klar vorne und achtern!“. Jeder nahm seine Gefechtsposition ein und starrte gebannt auf das riesige Etwas, das sich aus dem Wasser erhob. „Holt mal einer einen anständigen Schützen her!“, donnerte es. Drei tapfere Männer positionierten sich an Deck, bewaffnet mit Leinen, um das Ungetüm zu bändigen. Als wir längsseits mit ihm lagen, hieß es: „Verdammt noch mal, jetzt aber hurtig alles veranlassen, damit das Ding festgemacht wird, ehe es verschwindet!“. Nach einem zehnminütigen Kampf konnte sich die Kreatur nicht mehr bewegen. Als Abschluss des Tages durften wir nun das Etwas untersuchen. Es war grün und schien uralt, denn es hatte ganz viele Pocken, wie auch manche Wale sie haben…

Morgen könnten wir wichtige Messungen unternehmen und uns daranmachen, weiter vorzustoßen. Vorerst schien die Gefahr gebannt, sodass die ersten vor Erschöpfung in ihre Kojen fielen. Manch einer feierte noch ein wenig, verschob jedoch aus Müdigkeit die Situation. Während ich am frühen Abend an der Expedition teilnahm, wurde in unserem Labor fieberhaft nach etwas gesucht. Ich weiß immer noch nicht, ob etwas aus den Reihen unserer Gerätschaften fehlt. Diese Schufte hinterließen unsere Einrichtung nicht ohne Spuren: Wir mussten noch eine eingehende Reinigung aller horizontalen Flächen vornehmen. Ebenso hatte man Werkzeug benutzt und irgendetwas mittlerweile undefinierbares angemischt. Etwa um elf Uhr waren wir fertig, d.h. schlafbereit. Heute unterliegen wir sogar einem Jet-lag, vielleicht auch Ship-lag :-) Jeder dachte, dass es viel früher wäre. Morgen werden wir wohl alle sehr müde sein…
Nun noch eine gute Nacht!

Anmerkungen der Autorin:
1. Das vermeintliche Labor ist unsere geliebte Kombüse
2. Das glücklicherweise zähmbare Ungetüm ist Faial, eine Insel der Azoren. Wir machten heute in Horta fest. Der Kegel war der „Pico“ auf der Nachbarinsel
3. Das Experimentieren bedeutet eigentlich das Kochen…
4. Wir hatten freiwilliges Abendessen, weshalb sich ca. acht Leute selbstständig etwas in der Kombüse zubereiteten. Leider verstanden sie unter „später abwaschen“ so gegen halb eins in der Nacht die Hinterlassenschaften wegräumen.
5. Der Vorstand waren die hungrigen Mäuler zum Kaffee und Kuchen. Mark hatte mal wieder kalt angerührten Pudding gemacht.

Alles Liebe an meine Familie. Ich freue mich, euch in nunmehr noch 21 Tagen wiederzusehen! Meinen Freunden zu Hause wünsche ich viel Glück bei den anstehenden Klausuren! Also dann: Schöne Grüße von den Azoren!
Eure Caren

PS: Lola, man merkt deutlich, dass du nicht an Bord bist. Ich wünsche dir eine gute Besserung! Alles Gute, auch von Lena H…

PPS: An Wim (Spiekeroog): Vielen Dank für den hinterlegten Brief im Peter Café Sport hier in Horta! Schöne Grüße!

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin

Was heißt kochen?

Freitag, 6. April 2012 12:53

Datum: 6. April 2012
Position: 34° 19,5′ N, 053° 37,4′ E
Etmal: 130 M
Wetter: Wasser 18°, Luft 21°, Wind SSW, 5 Bft, heiter bis wolkig, 1017 hPa
geschrieben von: Caren Zeiger

Inspiration, das könnte ich gerade gebrauchen. Ich sitze Musik hörend in der Messe und lasse den gestrigen Tag Revue passieren. Ich schreibe schon wieder über einen Backschaftstag. Eigentlich wollte ich mal etwas literarisch hochwertiges bzw. anspruchsvolles verfassen. Dennoch werde ich über gerade diesen Backschaftstag berichten, an dem so viel passiert ist. Natürlich könnte ich eben die Höhepunkte zusammenfassen, jedoch wäre ich dann „nicht mit meiner Leistung zufrieden“. Am besten versuche ich, wie es Hemingway in seinem Buch „The Old Man and the Sea“ gezeigt hat, dass nicht ein Wort zu viel da steht. Übrigens: ich habe das Buch bereits durchgelesen, da wir einerseits noch eine Klausur darüber schreiben werden, und auf der anderen Seite, weil ich es ab ca. der Hälfte wirklich spannend fand. Ich kann das Buch nur empfehlen, und zwar in der Originalfassung, also auf Englisch.

Aus diesem Grund [kein Wort zu viel] kann ich ruhig das Wecken weglassen, denn es ist immer das Gleiche. Der Frühstückstisch war liebevoll gedeckt und es gab hart gekochte Eier. Da gestern Karfreitag war, musste das Mittagessen etwas hermachen. Lena entschied als Backschaftsführerin, dass es Putenbrust geben soll, mit Ofenkartoffeln und Karotten. Leider wusste niemand von uns, wie man alles genau macht. Im Kochbuch fanden wir Rezepte, wonach Lena eine Marinade für die Ofenkartoffeln produzierte, jedoch traute sie sich nicht ans Fleisch. Ich las, dass man es unter kaltem Wasser abspülen muss, und dann trocken tupfen. Durch das Zuschauen, wenn meine Mutter ähnliche Gerichte kochte, wusste ich in etwa, wie ich das alles zu machen habe. Lena stellte noch eine weitere Marinade her, diese für das Fleisch. Dann kamen beide Bleche, nun bereits unter Zeitdruck, in den Backofen. Die Möhren kochte ich nach einem neuen Rezept, und zwar mit Brühe, Petersilie und ein wenig Salz. Das Mittagessen war beliebt und wir hatten keine Reste! Alle Töpfe und Bleche waren blank. Einen Apfel zum Nachtisch und die Meute war zufrieden. André half uns beim Abwasch, sodass wir schnell fertig wurden.

Kaffee und Kuchen brachten wir relativ einfach über die Bühne, indem es als einzigen Höhepunkt einen heißen Kakao gab. Die drei Kilogramm Brot backten wir während des Nachmittags, sodass die Kombüse „ready for more“ war… Für das Abendessen sollten wir warm kochen, nach folgenden Angaben des Proviantmeisters Melvin: Ihr habt dieses Hackfleisch, 5 Kilo Reis und dann noch dieses Dosengemüse… Er verließ uns nach dem Motto: Macht was genießbares daraus. Genau so fasste ich es auf. Solange man es verzehren konnte, war alles möglich: Ich briet das Hackfleisch ordentlich an und dünstete anschließend Zwiebeln und Knoblauch. Dann gab ich alles gemeinsam mit dem Gemüse in einen Topf und goss etwas Wasser hinzu. Das Würzen war eher ein Experiment: Brühenpaste, Paprikapulver, Zimt, Salz, Pfeffer - an den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern… Aus diesem Tag lernte ich, dass man nicht unbedingt ein Meister- oder Sternekoch sein muss, um eine leckere Mahlzeit zu bereiten. Man muss eigentlich nur Mut haben. Besonderen Dank an meine Mutter! Außer dass der Reis verkocht war, war das Abendessen ebenfalls gut.

Als Abschluss habe ich noch etwas von unserem 1. Steuermann Ulli. Der Kapitän bat ihn, eine Predigt zum Karfreitag zu halten - vor dem Abendessen:

Ladies and Gentlemen!

Die Predigt:
„Kameradinnen und Kameraden der Seefahrt, es gibt an Deck und im Unterricht viel zu tun. Packen wir es an!“

Das Gebet (alle sprechen mir langsam, laut und deutlich nach):
An Deck und im Unterricht gibt es viel zu tun.
Wir wollen immer fleißig sein.
Wir wollen jeden Tampen sorgsam führen.
O Segel, haltet aus,
wir sind noch lange nicht zu Haus.
O Steuermann, wir wollen deinen Zorn besänftigen.
Wir sind zwar arme Schlucker,
und haben kein Geld,
dennoch geben wir dir gerne einen aus.
Und zwar so lange, bis du umfällst
und endlich mal die Schnauze hältst.“

Alles Liebe an die Freunde und an die Familie zu Hause. Ich konnte leider keine Mails von Bermuda schreiben, da der Akku meines Laptops nur noch mit Stromversorgung funktioniert. Ansonsten klappt hier alles super. Aus dem Ölzeug gehe ich nur noch unter Deck raus, weil ich es draußen so kalt finde… ;-) Ich grüße meine Familie und besonders meinen Vater (bald ist Ostern!!). Meinen Freunden Corinna, Kai, Meryem und Marcel wünsche ich ebenfalls Frohe Ostern! Liebe Kimi, dir wünsche ich auch schöne Ostern mit deiner Familie. Ich vermisse dich! Bis in Hamburg!
Eure Caren

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin