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207 Tage in einer anderen Welt

Donnerstag, 26. April 2012 22:43

Datum: 26. April 2012
Position: 50°01,1′N, 004°21,9′W
Etmal: 117
Wetter: Wind SW, 4-6 Bft, gute Sicht, bewölkt, Regen,
Geschrieben von Claudio Hohmann

Wir schreiben den… EINHUNDERTNEUNUNDNEUNZIGSTEN Tag der High-Seas-High-School-Reise 2011/2012. Wir sind „überall und nirgendwo“, und es heißt jeden Tag „alles oder nichts“. Ich habe vor der Reise einmal gesagt, dass ich die Reise vor der Abfahrt und nach der Rückkehr mehr schätze und respektiere als während der Reise. Kurz vor Auslaufen in Hamburg waren alle Schüler, Eltern und einige Clipper-Leute in einem Lokal, in welchem wir Schüler uns vorstellten. Ich kann mich noch recht gut an meine Worte erinnern:

„Guten Abend. Ich bin Claudio Hohmann, 17 Jahre alt und komme aus dem schönen Kassel. Das Schiff ist für mich ein Symbol der Freiheit, und um diese kennen zu lernen, fahre ich hier mit!“ Ja, das Schiff ist leider nur ein Symbol für die Freiheit. Von Freiheit kann man jetzt auf dem Schiff zwar nicht reden. In zwei bis drei Monaten werde ich aber sicherlich sagen, dass es Freiheit bedeutete. Ich habe so viele Kulturen, Sprachen und Lebensweisen kennen gelernt, die meinen Horizont um ein Vielfaches erweitert haben. Ich weiß jetzt schon, welche Punkte ich bei mir, im Alltag, in der Schule und im Umgang mit meinen Freunden, meiner Familie und anderen Menschen verändern möchte und muss.

Ich bin ich, und wir sind wir
Wache ist draußen vor der Tür
Lernen tun wir innerhalb
Der Nordatlantik ist sehr kalt.

Am runterzählen ist der Countdown
Die Steuerleute sind bald wieder bei ihren Frauen
Bei uns dauert es noch mit den Frauen
Wir können noch mal richtig auf die Kacke hauen.

Von heute an sind wir bald zu Haus
Da wartet unser “Mutti-Schmaus“
Sieben Monate lang war Schwitzen
Bald werden wir daheim beim Bierchen sitzen.

Heute sind wir jedoch noch hier
Tee und Kaffee ist Ersatz fürs Bier
Wir essen jeden Tag viel Tier
und schmatzen „without any fear“.

Mami hat heute Geburtstag
Rückt immer näher ihrem Sarg
Doch wenn ich da bin, werden wir reisen
Und zusammen unsere Liebe preisen.

Ich bin in Gedanken nur bei dir
Wie ich am fünften steh vor deiner Tür
Ich werde berichten und erzählen
Und mich eine Woche darauf zur Schule quälen.

Der 26. April war ein Bordtag, wie man ihn kennt. Die Backschaft war gut, wir hatten hier und da ein kleines Segelmanöver, bei welchem wir das Großsegel bis zum 2. Reff verkleinerten und den Klüver-Drei anschlugen. Wir befinden uns mittlerweile noch im ersten Drittel des Englischen Kanals und zählen die Tage. Acht noch, dann werden wir 207 Tage in einer anderen Welt gewesen sein. Am Abend hörten wir noch zwei Referate. Philipp hielt eins über Atlantis und Felicia übers Meeresleuchten. Ein schöner Tag auf See. Der Sturm hatte sich wieder gelegt, und die Sonne ging schuldlos hinter der noch vom Sturm zerwühlten See langsam aber sicher unter.

Liebe Mama, ich wünsche dir alles, alles Gute, Liebe und Schöne für den nächsten Abschnitt deines Lebens. Ich hoffe für dich, dass du immer die richtige Windstärke erhältst. Niemals Flaute, niemals Sturm, immer perfekt. Denke und plane einfach nur ein Jahr voraus, dann läuft das schon, und wenn mal nicht, fahr einfach eine Wende, ich kann dir jetzt zeigen, wie das geht. Und merkst du schon im Voraus, dass etwas falsch läuft, baue ein oder zwei oder drei Reffs ein, und dann beruhigt sich der Tacho schon wieder. Ich bin für dich da und in Gedanken immer bei dir.

Luca, ich muss mal langsam wissen, was mit Danni und dir ist. Geht es euch gut? Ich freue mich auf dich!

Papa, du weißt, was ich sagen würde…ich liebe dich sehr!!!

Freunde, Nachbarn und Verwandte: Ich werde euch alles erzählen, wenn ich wieder da bin, und glaubt mir, ich habe euch nicht vergessen und denke viel an euch, auch wenn ich den Kontakt etwas zu kurz halte. Seid mir nicht böse: Auch auf euch freue ich mich riesig.

Ach ja, bevor ich es noch vergesse: Wir werden voraussichtlich noch Helgoland anlaufen, bevor wir unseren SBF (Sportbootführerschein) in Glücksstadt machen und dann am 5. Mai in HH einlaufen werden. Wir haben am 17. April die Insel Faial (Hafen von Horta) der Azoren verlassen und wagen uns nun über den Nordatlantik. Bis an Land, ihr Ratten. I am looking forward
Claudio

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin

Unser Johann und was er mit uns macht

Montag, 26. März 2012 11:50

Datum: 26. März 2012
Position: St. George’s und Hamilton, Bermuda
Etmal: -
Wetter: regnerisch, bewölkt, windig, kalt
geschrieben von: Claudio Hohmann

Ein paar Fakten über den Mann, nach welchem unser schönes Boot benannt ist: Johann Smidt wurde am 05.11.1773 in Bremen geboren. Ab 1797 war er Theologe und Professor in Bremen und gründete zusammen mit Hamburgern und Lübeckern die Zeitschrift „Hanseatisches Magazin.“ Im Jahre 1800 wurde er zum Ratsherrn gewählt. Nach der Besetzung von französischen Truppen wurde er Vertreter Bremens am Hofe Napoleons. Zwischenzeitlich ließ er sich als Notar nieder, um gleich nach der Franzosenzeit als Verfechter hanseatischer Freistaaten zu wirken. Er wurde Vertreter der Hansestädte beim Deutschen Bund und kämpfte für die Freiheit und Selbstständigkeit der Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen bei der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress. 1821 erfolgte die Wahl zu Bremens Bürgermeister. Durch den Kauf von geeignetem Land an der Geestemündung im Jahre 1827 erfolgte die Gründung Bremerhafens. Dem König von Hannover musste der Handel durch starkes Ringen erst schmackhaft gemacht werden. In den Jahren 1845 – 47 organisierte Smidt den Aufbau der regelmäßigen Dampfschiffverbindung von Deutschland nach Nordamerika. Er starb am 07.05.1857.

In den letzten Tagen haben Lea und ich uns gegenseitig ein Buch vorgelesen. Es heißt „Tiere“ von Simon Becket. Vielleicht kennt es ja der eine oder andere. Ich werde kurz erläutern, worum es darin geht: Ein Junge namens Nigel wird von seinen Eltern zu einem schuldlosen, braven jungen Mann erzogen. Alle Menschen, die genau die Dinge tun, die ihm als „schlechte Dinge“ eingetrichtert wurden, wertet er ab und versucht alles, um seine Lebensart genau dem Gegenteil anzupassen. Einige der Menschen, die seinen Normen nicht entsprechen, sperrt er in seinem Keller ein und behandelt sie wie Tiere. Darunter sind Huren, Säufer und Junkies. Er lässt sie nicht los und versucht sie zu erziehen.

Ohne unsere Situation auf High Seas mit dem Buch zu vergleichen, das wäre völlig unangebracht und einfach falsch, findet man doch in einigen Punkten, wenn auch nicht so krass, einige Ähnlichkeiten. Unser Schiff, die Johann Smidt, ist unglaublich freundlich und beschützend. Es trägt uns ca. 12.000 NM über die unglaublich unberechenbare und gefährliche See. Doch vor allem gibt es uns die Möglichkeit, großartige Dinge in der Welt aber auch in uns selber zu finden und mehr darüber zu erfahren. Ähnlich wie im Buch. Der Junge Nigel öffnet den Gefangenen ein Stück weit die Augen und bringt sie zum Nachdenken. Sind wir auf der See, fesselt uns die Johnny in andauernder Routine und oftmals auch in Langeweile. In dem Buch bekommen die „Tiere“, also die Gefangenen, jeden Tag zur gleichen Zeit ihr Futter, wie bei uns an Bord. Wache, schlafen, essen, Wache, schlafen, essen…, aber das alles ist o.k., wir haben uns das ausgesucht und keiner von uns bereut es. Auch wenn wir oft sagen, dass es uns reicht und dass wir nicht mehr wollen, wissen wir alle, dass all das, alle Höhen und Tiefen im Endeffekt zu einem positiven Ergebnis führen, auch wenn wir es im Moment nicht wahrhaben wollen. Tief in uns lieben wir alle diese Reise.

Heute sind wir endlich nach St. George’s auf Bermuda eingelaufen. Die See vor der Insel war sehr rau, daher war das Segelbergen und Anlegen am Kai aufwendiger und langwieriger als die letzten Male. Doch jetzt sind wir endlich auf den Nordatlantik vorbereitet. Am Abend gab es dann noch Brot und Wurst und anschließend zwei Stündchen Landgang. Ein gelungener erster Abend. Mama, Papa, ihr glaubt nicht, wie ich mich auf euch beide freue. Das mit dem 5. Mai und meinen Leuten verstehe ich gut. Macht euch deswegen keine Sorgen. Ich werde eventuell auf Bieberstein in Kais oder Dennis Familie kommen. Das wäre echt cool. Luca, ich habe versucht, dich zu erreichen, bin aber irgendwie nie richtig durchgekommen. Alter, du hast es fürs erste geschafft. Du glaubst nicht, wie neidisch ich bin. Habe auch gehört, dass es ganz gut lief. Sehr geil… Ich bin stolz auf dich und liebe dich sehr, mein Großer.
Claudio

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin