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Meine Sicht auf die Reise

Dienstag, 24. April 2012 10:55

Datum: 24. April 2012
Position: 48°23,6′N, 010°14,3′W
Etmal: 164 sm
Wetter: regnerisch und kalt
geschrieben von: David Drewes

Meine Haut ist blau, zumindest der Teil, den man die meiste Zeit von mir sieht. Außerdem ziert mich ein weißer Streifen. Aber zu etwas besonderem macht mich etwas anderes. Ich bin „schuld“ an einer großen Veränderung im Leben von 26 Jugendlichen und 4 Lehrern. Seit nunmehr 4 Jahren mache ich das wieder und wieder. Was ich bin? Ich bin ein Schiff, mein Name: SS Johann Smidt. Wie schon erwähnt, auf mir wohnen und lernen Jugendliche und Lehrer. Für die nautische Führung ist die sogenannte Stammcrew zuständig. Sie besteht aus 5 bis 8 erfahrenen Seeleuten, die alle einmal in der Berufsschifffahrt tätig waren. Am liebsten bin ich unter Segeln unterwegs, davon habe ich bei entsprechendem Wind 5 Stück gesetzt: Groß, Schoner, Top, Fock und Klüver. Diese 5 bringen mich überall dahin, wo die Crew wünscht hinzugelangen, vorausgesetzt der Wind kommt aus der richtigen Richtung. Wenn er es mal nicht tut, kann es auch mal sein, dass die Maschinisten meine Maschine starten. Aber wirklich mögen tue ich das nicht.

Aber nun wieder zurück zum eigentlichen Thema: Meine Sicht auf die Reise. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich dem Winter in Deutschland entfliehe. Es ist schon ziemlich angenehm, im warmen Wasser der Karibik zu treiben. Außerdem bin ich für 7 Monate der Mittelpunkt im Leben der Jugendlichen an Bord. Normalerweise ist das Leben auf mir entspannt und nicht mit arg viel Stress verbunden. Natürlich heißt es für die Schüler 8 Stunden Wache gehen an jedem 2. Tag, um mich zu steuern und andere Aufgaben zu meiner Erhaltung zu erledigen. Aber während der Reise gibt es auch sehr, sehr anstrengende Tage, und das nicht nur für die Schüler. Vor allem auf der Rückreise über den Nordatlantik kann es ziemlich stürmisch werden. Ich mag es auf eine gewisse Art und Weise schon, wenn die Wellen gegen mich schlagen und ich mich von Welle zu Welle schmeiße. Oft ist das aber nach ein paar Stunden eher Qual als Freude. Es zermürbt mich und auch die Besatzung, wobei die Jugendlichen und Erwachsenen an Bord dabei, genau wie ich, manchmal an ihre Grenzen gehen.

Aber umso schöner wird es sein, wenn ich am 5. Mai endlich wieder in Hamburg am Mississippi-Ponton liegen kann. Dann steigen in mir Gedanken daran auf, wie es wohl im nächsten Jahr werden wird. Gibt es wohl eine neue Reiseroute? Endlich mal neue Häfen, die ich anlaufe? Wie wird die Crew im nächsten Jahr die Reise meistern? Das alles sind Fragen, die mir niemand wirklich beantworten kann, doch ich werde die Antworten erfahren. Spätestens in einem Jahr werde ich sie wissen, wenn eine neue Gruppe mit mir und durch mich zu einer Crew zusammenwächst. Sieben Monate, in denen die Gruppe alles zusammen unternimmt, alle Probleme zusammen löst und verschiedene Situationen bewältigt - und dann wieder in Hamburg einläuft. Für die jetzige Reise heißt es: Bis in 11 Tagen in Hamburg! Liebe Grüße,
euer David

P. S.: Ich grüße alle, die sich genau wie wir darauf freuen, uns alle in Hamburg wiederzusehen, und besonders meinen Papa und den Rest meiner Familie, Mika, Ines und Tanja.

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Der erste Tag in Schülerhand

Mittwoch, 18. April 2012 11:39

Datum: 18. April 2012
Position: 39°34,7′N, 026°31,6′W
Etmal: 103 Meilen
Wetter: sonnig
geschrieben von: David Drewes

Heute war ein ganz besonderer Tag für die Schülercrew. Lange hatten wir sie ersehnt, und oft mussten wir um sie bangen, aber heute Mittag um 12:00 Uhr Bordzeit war es soweit: Clipper-Kapitän Dietrich startete das Projekt der Schiffsübergabe. Die erste Wache unter Schüleraufsicht leitete die, von der A-Wache gewählte, Pauline. Sie und die anderen Schülersteuerleute und der Schülerkapitän hatten nun unter Aufsicht der erfahrenen Clippercrew das Kommando über die Johnny. Aber Kommando heißt auch, auf eine Menge zu achten. Und das lernte ich am eigenen Leib. Da ich am Tag zuvor von meiner Wache zum Steuermann gewählt wurde, hieß es für mich, um 16:00 Uhr die Wache von Pauline zu übernehmen. Nach der normalen Wachübergabe auf dem Achterdeck bekam ich von ihr noch eine detaillierte Übergabe. Sie übergab mir den Kurs; den Winkel, aus dem der scheinbare Wind kommen sollte (wir steuerten auch nach Wind); erklärte mir, ob und was die übergebende Wache an den Segeln verändert und ob sie Schiffsverkehr in Sichtweite hatte; und sie erinnerte daran, dass ich mir bitte die Wetterkarte auf dem Laptop angucken soll.

Ich muss zugeben, ich war leicht überfordert, denn man muss auf sehr, sehr viele Sachen auf einmal achten. Aber ich hatte ja Ulli an meiner Seite, der mir in jeder Situation nach Bedarf half. Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Wache war es, darauf zu achten, aus welcher Richtung der Wind kommt. Wir wussten, dass er drehen würde, und das tat er, also wurde der Kurs geändert. Als es 20:00 Uhr war, hatte ich es geschafft, ich stand auf dem Achterdeck und übergab die Wache an die nachfolgende Gruppe. Aber nun musste ich noch eine weitere Aufgabe eines Steuermanns erledigen: Ich musste die während der Wache gesammelten Wetterdaten in unser Schiffstagebuch eintragen. Außerdem mussten noch alle Manöver, wie Segelsetzen, Segelbergen oder Reffen, eingetragen werden. Zum Glück hatten wir nichts an den Segeln verändert. Nach ungefähr zehn Minuten war ich damit fertig und konnte Melvin, dem Steuermann der C-Wache, die nun aufzog, alles Wichtige erzählen. Ich war heilfroh, als ich nach den vier Stunden in der Brücke endlich in der Messe sitzen konnte. Doch der Abend war nicht mehr allzu lang, denn ich sollte morgen Backschaft haben, und da wollte ich nicht müde sein. Bis in Hamburg
euer David

P.S.: Ich grüße meine Familie, Ines, Ilona, und Tanja. Ich freue mich, euch alle in ein paar Tagen in Hamburg wiederzusehen.

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin