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Eine Seefahrt die ist lustig…

Samstag, 12. November 2011 15:44

Datum: 12. November 2011
geschrieben von: Esther Schulz


… besonders nachdem die „Fischfüttertage“ überstanden sind. Das waren noch Zeiten, als auf der Johnny „Leichen“ mit Sicherungsgurten an die Reling gekettet an Deck lagen und die beklemmende Ruhe nur durch gurgelnde Würgelaute unterbrochen wurde. Diejenigen, die noch aufrecht gehen konnten, bewegten sich fast lautlos und wie ferngesteuert zwischen Wache an Deck und Kammer hin und her. Die Messe erfüllte sich mit gähnender Leere; nur die alten Seebären saßen tapfer am gedeckten Tisch und rissen ihre Witze (ich saß übrigens dabei). Zwischendurch gesellte sich auch mal eine wortkarge, eingefallene Gestalt dazu, die gequält an einem Stück Zwieback knabberte und nicht selten plötzlich aus dem Trancezustand hochschreckte und zur Reling eilte… Die geisterhaften Seemänner aus „Fluch der Karibik“ erscheinen mir nun in einem neuen Licht, gar nicht mehr so weit her geholt, eigentlich ganz real.

All das ist nun Vergangenheit und die meisten Jugendlichen haben nur sehr vage Erinnerungsfetzen aus dieser Zeit beibehalten, reißen ihre Witze darüber und schauen nach vorne – und das ist gut so!

Jetzt geht es darum den Alltag zu bewältigen, morgens das Brot rechtzeitig in den Ofen zu schieben, damit es noch auskühlen und geschnitten werden kann. Gleichzeitig schon das Mittagessen vorzubereiten, Gemüse putzen, Fleischberge anbraten und würzen, Nudeln kochen aber nicht verkochen … Herausforderungen, die hier wirklich mit Bravour gemeistert werden.  So wird auch eine leicht versalzene Bratensoße von der gourmet-kritischen Stammcrew genüsslich verspeist. Und der Volksmund weiß ja, in welchem Gemütszustand sich der Koch befindet, der das Essen versalzt …  Ihr Eltern könnt wirklich stolz auf eure Sprößlinge sein und würdet sie vielleicht schon heute kaum wiedererkennen.

Mittlerweile sind auch die anfänglichen Hemmschwellen beim Bäder putzen überwunden. Drückeberger haben keine Chance, es muss gemacht werden, und dass man zum Toilettenreinigen eine Klobürste benutzt und diese nicht mit einem Schwammtuch innen auswaschen muss, ist auch bei den letzten Putzteufeln dankbar angekommen. Aber freut euch nicht zu früh, liebe Eltern. Dass eure Kinder nach dieser Reise mal kochend oder backend hinter dem Herd stehen, kann ich mir gut vorstellen. Aber dass sie auf Knien, schrubbend durch die heimischen Bäder jagen werden, wage ich zu bezweifeln.

Ich persönlich habe mich auf der Johnny auch gut eingelebt, kann bei jedem Wellengang wunderbar in meiner Koje schlummern, unfallfrei duschen und trittsicher an Deck spazieren. Ich liebe es besonders, mich bei der Berg-und Talfahrt durch die hohen, langgezogenen Atlantikwellen über die Reling zu beugen, als würde ich das Schiff im Rhythmus zum Schaukeln bringen. Das ist um einiges abenteuerlicher als die Piratenschiffschaukel im Hansapark, die ich noch im Oktober mit Jakob, Max und Susi zur Einstimmung auf diese Reise besucht hatte. Die Grundbegriffe des Segelns sind mir auch nicht mehr ganz fremd, und wenn Uli, der Steuermann, brüllt: “Esther, halt den Bullen fest!”, sprinte ich auf das richtige Tau zu und halte den Bullen im Zaum.

Mit meinen Lehrerkollegen hab ich auch einen guten Fang gemacht. Auf Andres und Ralfs Drängen hin kloppen wir seit einigen Abenden Skat, wobei der Verlierer in Teneriffa eine Runde zahlen muss. Sie haben es nicht anders gewollt und reißen sich geradezu darum, mich finanziell auszuhalten, damit ich mit vollem Portemonnaie über den Atlantik schippern kann. Selbst Willy, unser Bootsmann, hat sich in die spendable Runde eingereiht. Vielen Dank auch! Natürlich ahnten sie nicht, dass ich in meiner rebellischeren Schulphase während dem Unterricht heimlich unter der Schulbank Skat spielte anstatt den lehrreichen Worten meiner Lehrer zu lauschen. “Nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen” habe ich damals schon sehr ernst genommen.

Also werden wir in den nächsten Tagen unsere „Rosie“ in Santa Cruz aufsuchen und uns sehr vorsichtig an Getränke mit mehr als 0,3% Alkohol herantasten… Kapitän Norberts ermahnende Worte und erhobenen Zeigefinger bei jeder Bestellung im Hinterkopf behaltend, denn seinen Zorn möchten auch wir nicht auf uns ziehen. So haben wir den ersten Monat unserer Reise wohl und ohne Heimwehpillchen überstanden und fühlen uns gewappnet, den großen Atlantik bei jedem Wind und Wetter zu überqueren und den ungeahnten Abenteuern der „Neuen Welt“ zu begegnen. Lasset die Regenwälder, Unterwasserwelten, Traumstrände und Sonnenbrände zu uns kommen…

In diesem Sinne, liebste Grüße und Küsse an alle die mich kennen und lieben! Pura vida,
Esther

Thema: Hamburg - Teneriffa | Comments Off | Autor: admin