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HSHS–Süppchen…

Montag, 23. April 2012 22:55

Datum: 23. April 2012
Position: 47°07,0′N, 013°42,0′W
Etmal: 146 NM
Wetter: Luft 15°C, Wasser 12°C, Wind NW, 9 Bft., bewölkt
geschrieben von: Lena Hentschel

…reicht für ca. 40 Portionen, Zubereitungszeit: 7 Monate, Schwierigkeitsgrad: Schwer, auf genaue Mengen sollte Acht gegeben werden…! Zunächst nehme man sich einen sehr großen Topf und fülle ihn mit 40 Tassen Wasser. Nun wird so viel Einzigartigkeit wie möglich darin aufgelöst. Dies dient uns erst einmal als Grundlage. Ein Viertel des Topfinhalts wird entnommen und in einem anderen Topf beiseite gestellt. Dem großen Teil wird etwas Leichtsinn, etwas Chaos, ein kleines Stück Schweizer Käse, ein Löffel Lebensfreude, eine Messerspitze Egoismus und eine Packung Wortwitz hinzugefügt (falls nicht vorhanden, kann auch guter Humor verwendet werden). Lernfähigkeit, eine Scheibe Neugier und eine große Kanne Aufgeschlossenheit werden oft vergessen, dürfen aber auf gar keinen Fall fehlen. Nicht immer gern gesehene Zutaten sind Langeweile und Schulüberdruss. Der bittere Nachgeschmack der letztgenannten Bestandteile verschwindet aber, sobald man nach gutem Rühren eine Mischung aus Abenteuer, Freiheit und Verantwortung hinzugefügt hat. Die Suppe wird nun ihr volles Aroma entfalten.

In den beiseite gestellten Topf muss nun Erfahrung und Vernunft gemischt werden. Die weiteren Zutaten sind drei Tassen Gelassenheit, ein sturer Kopf und viele tausend Geschichten. Nach kräftigem Rühren runde man die Suppe mit einer Prise Gutmütigkeit, ein paar Bröckchen Skat und einem Smoke ab. Zum Schluss gieße man beide Teile der Suppe sehr vorsichtig zusammen. Nun den Topf auf den Herd stellen und das Süppchen auf der höchsten Stufe kurz aufkochen lassen. Dabei siebenmal umrühren. Nach einer kurzen Ruhezeit sollten sich die Aromen der beiden Suppenteile gut vermischt und gegenseitig ergänzt haben, sodass eine wohlschmeckende Einheit entstanden ist. Guten Appetit!
Lena (H.)

P.S.: An Lola: Wir vermissen dich schrecklich, bis ganz bald!
P.P.S.: An Papi: Man kann die Sterne hier ganz wundervoll sehen. Ich hab dich lieb!

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin

Ein stinknormaler Tag auf See

Freitag, 23. März 2012 21:35

Datum: 23. März 2012
Position: 29°56,5′N  077°27,5′W
Etmal: 153 Seemeilen
Wetter: 25°C, blauer Himmel mit wenig Wolken, Wind OSO
geschrieben von: Lena Hentschel

Hallo, ihr Lieben! Es gibt aufregende und es gibt langweilige Tage auf See. Ein ganz normaler Tag besteht aus Schlafen, Essen und Wache bzw. Schule. Je nachdem, was darüber hinaus passiert, kann ein Tag spannend oder langweilig sein. Der Tag heute war, gähn(!), sehr langweilig. Ich werde um fünf Uhr zur Wache geweckt. Kilians Wettermeldung: “Ist relativ kalt, zieh dir halt was an.” Ja super, das hilft mir wirklich weiter. Dass ich irgend etwas anziehen muss, war mir schon klar - als ob ich nackt zur Wache gehen würde?! Also hole ich von meiner supertollen Hier-liegt-alles-Ablage etwas Wärmeneutrales: einen Pulli und eine lange Jeans. Draußen merke ich, dass ich irgend etwas falsch gemacht habe. Auf Brücke ist es zu heiß und draußen zu kalt. Ich bin aber zu faul, noch mal runterzulaufen, um mir etwas anderes anzuziehen. Die abziehende Wache sagt ihr Sprüchlein auf: “Die abziehende Wache wünscht der aufziehenden Wache eine gute Wache!” Dann sind wir dran und wünschen eine “Gute Ruh´. Woher der Brauch kommt, kann keiner so recht sagen. Erst fand ich ihn lächerlich, aber mittlerweile ist es das beste Mittel zur Selbstmotivation, unseren Satz möglichst laut zu rufen. Wir verteilen die Positionen und frieren vor uns hin, während wir uns unterhalten und dabei vom so bekannten Hölzchen aufs Stöckchen kommen.

Die Wettervorhersage sagt stürmisches Wetter voraus. Davon ist aber noch nichts zu sehen. Der Wind flaut ab, und gegen halb sieben nehmen wir mit nur drei (!) Mann Klüver und Fock runter. Die bringen uns eh nichts im Moment und flattern nur im Wind herum. Endlich ist Wachwechsel. Ich brülle der noch völlig verschlafen aussehenden nächsten Wache unseren Spruch entgegen und will gerade ab in die Koje verschwinden…aber halt, falsch gedacht! Der Klüver soll abgeschlagen und durch einen kleineren Klüver ersetzt werden! Eigentlich ein schöner Job, nur dass ich mich schon so auf mein Bett, Pardon, auf meine Koje gefreut hatte. Also schlagen wir den Klüver ab, falten ihn und packen den schweren Sack weg. Um 10 Uhr haben wir es endlich geschafft. Ich gehe sofort schlafen und werde erst wach, als es Mittagessen gibt. Hühnchenschenkel mit Reis und Gemüse. Die Backschaft hat mal wieder wirklich gutes Essen gemacht. Also, großes Lob an Alina, David, Lena K. und Lena P. Reis kann ich zwar seit Costa Rica nicht mehr wirklich sehen, aber mit Ketchup geht er schon runter und schmeckt sogar. Ich bin aus irgendeinem Grund leider so müde, dass ich mich direkt wieder hinlege.

Um halb vier werde ich sehr lieb von Lea geweckt. Die Ligretto-Partie habe ich leider verpasst. Es gibt Kuhfleckenwaffeln zum Kaffee. Das sind Waffeln mit Schokoflecken. Sehr lecker! Für mich geht jetzt die zweite Wache los, von vier bis sieben Uhr. Draußen haben wir nahezu Flaute. Das Meer liegt spiegelglatt vor uns und der Himmel ist strahlend blau. Mittlerweile sind alle Segel heruntergenommen, und wir machen ca. 7 Knoten unter Motor.Bei der letzten Flaute auf dem Atlantik haben wir einen Wal gesehen und gerade, als wir darüber reden, sehe ich doch tatsächlich den Rücken von einem Wal in einiger Entfernung aus dem Wasser kommen. Kann das Zufall sein? Vor lauter Begeisterung haue ich mir den Kopf am Baum vom Großsegel an. War das auch Zufall oder habe ich das etwa verdient? Nachdem die Sterne aus meinem Kopf verschwunden sind, sehe ich den Wal noch ein paar Mal. Die anderen kommen aus der Messe, um zu gucken, aber da ist der Höhepunkt des Tages schon fast wieder weg. Er taucht ziemlich schnell ins dunkle, blaue Wasser und ward nicht wieder gesehen. Mit diesem Höhepunkt ging mein Tag heute zu Ende. Der stinknormale Tag hatte also doch etwas ganz besonderes.
Macht’s gut, Lena

P.S.: Noch 43 Tage :-D
P.P.S.: Gaaaaanz furchtbar liebe Grüße an alle meine Lieben zuhause!

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin