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Die Stammcrew allein an Bord

Montag, 20. Februar 2012 23:09

Datum: 20. Februar 2012
Position: Honduras
Etmal: -
Wetter: -
geschrieben von: Lothar Ständeke

Freunde der Seefahrt! Die Stammcrew allein an Bord – welche Ruhe! Welche neuen Aufgaben! Neue Aufgaben: Essen zubereiten, spülen, putzen, Ankerwache gehen, am Schiff arbeiten, Crewlisten  für das Ein- und Auslaufen erstellen, Proviant, Wasser und Kraftstoff bunkern. Der Reihe nach: Frühstück gegen 06.30 Uhr mit Kaffee, Tee, Wurst, Käse, Marmelade, Rührei mit Bacon. Die Back (Tisch) im “Seegarten“ (überdachter Freisitz hinter der Brücke [Kommandozentrale des Schiffs]) ist für sieben Personen zu decken. Ute, die Frau des Kapitäns, bekocht uns mit Unterstützung des Maschinisten Kalle. Beide können den Angeboten eines einheimischen Fischers an frischem Fisch nicht widerstehen. Zackenbarsch, Barracuda, Thunfisch, und Golddorade zwischen 0,6 und 1,2 m wechselten für geringes Geld zu uns an Bord. Marinierter und gebratener Fisch am Abend, am folgenden Mittag eine köstliche Fischsuppe aus den Fischabfällen.

Die Maschinisten können im Maschinenraum mit über 45°C nur kurzzeitig arbeiten und kämpfen darüber hinaus mit der Waschmaschine (Miele, uralt!). Zeitweise wäscht sie, pumpt aber die Lauge nicht ab. Für die tägliche Wäsche ist Handwäsche angesagt! Die Nautiker kleben mit viel Geduld und kreativem Einsatz die „Gummisäue“ (Schlauchboote), eine rote, sehr alte und eine weiße, nicht ganz so alte, zusammen. Beide sind wieder einsetzbar. Die Nachtwachen: In der Zeit zwischen 22.00 Uhr und 06.00 Uhr wurden im Wechsel zweistündige Wachen gegangen. Die Nächte waren fast mondlos und sehr sternenreich. Mit Sonnenuntergang um 18.00 Uhr wurden die Flaggen eingeholt (von vorne nach achtern zuerst die Gastlandflagge, dann die Nationale) und das Ankerlicht gesetzt. Der Sternhimmel wird abends im Westen von der leuchtenden Venus und Jupiter beherrscht, fast im Zenit steht Orion. In der zweiten Nachthälfte taucht im Süden das „Kreuz des Südens“ auf. Ab etwa 05.30 Uhr dämmert es erst ganz langsam, dann zunehmend feurig im Osten, und um 06.00 Uhr hat der Tag die Nacht verdrängt. Die Flaggen werden von achtern nach vorne gesetzt, das Ankerlicht gelöscht, die Tagesroutine beginnt mit Backschaft für das Frühstück.

Die Seeleute sind überwiegend über 70 Jahre alt und haben die „gute, alte Seefahrt“, die vor dem Ausflaggen und der Einführung des Containers, noch erlebt. Apfelsinen noch in Kisten, Pfeffer in Säcken. Liegezeiten in den Häfen in Wochen statt in Stunden gerechnet. Zeit für Landgänge und Begegnungen mit fremden Kulturen (und schönen Frauen). Besatzungen an Bord von HAPAG- oder Lloyd-Schiffen mit Köchen, Stewards, Wäschegang, Funker, Bootsmann und Matrosen, die alle die gleiche Sprache sprachen. Aus dieser Zeit können sie mit leuchtenden Augen und nahezu endlos skurrile und spannende Geschichten erzählen. Im Orkan mit dem Passagierdampfer „Bremen“ vor New York zerschlug eine 15 m Hohe See die Fenster auf der Brücke und das eindringende Wasser legte die Steuerung und den Antrieb des Schiffes fast vollständig lahm und nur nach umfangreichen Reparaturen der Maschinisten konnten sie den Hafen erreichen.

Bunkern: Zunächst musste Proviant für 36 Personen für 3 bis 4 Wochen an Bord. Der Schiffshändler in Utila verfügte nicht über ein entsprechendes Angebot. Ceiba am Festland lag über 20 sm (bei einer Fahrt von 6 Kn mit An- und Ablegen etwa 4 bis 5 Stunden für eine Fahrt mit der „Johnny“, für Hin- und Rückreise 8 bis 10 Stunden ohne den Einkauf in einer unbekannten Stadt) entfernt. Mitch, der Inhaber der Tauchschule, gebürtiger Deutscher, konnte das Problem lösen. Ein “Langboot“ (9 bis 10 m lang, 1,5 m schmal und sehr stark motorisiert) rauschte mit 20 Kn innerhalb einer Stunde über das Meer zum Festland. Bei ruhiger See und Wassertemperaturen von 27°C ein Erlebnis der besonderen Art.

Einkaufen in Ceiba: Mitch führte uns in die Supermärkte mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis und die Einkaufswagen (bis zu 9) füllten sich. Zur Unterstützung war ein Mitarbeiter uns zugeteilt, der größere Mengen (z. B. 30L Tüten Milch) aus dem Lager herbeischaffte. Frisches, möglichst noch nicht ausgereiftes Obst und Gemüse wurde auf dem Markt in zähen Verhandlungen erworben. Unsere Taxe musste mehrfach die Waren zum Langboot bringen und das Gefriergut in die bereitstehenden, mit Eis gekühlten Kisten verstauen. Nachdem wir den letzten Proviant im Langboot verstaut und mit Planen gegen Seewasser geschützt hatten, dachten wir, das Boot sei voll. Zu unserer Überraschung bat uns (6 Personen) der Skipper, auch noch an Bord zu kommen. Wohin? Vor die Kisten, hinter die Kisten, auf das Vorschiff und Achterschiff. Die Rückreise konnte beginnen. Bei mäßig bewegter See und schwer beladen wurde es eine feuchte Überfahrt, keine Stelle des Körpers blieb trocken. An Bord der Johann Smidt (die lag vor Anker und schaukelte im Takt mit dem Langboot) wuchten wir den Proviant nach Plan in die Trockenlast, Getränkelast und Tiefkühlung. Am Abend kehrte dann Ruhe ein!

Diesel und Wasser bunkern: Auf der Nachbarinsel Roatan in French Habor konnten wir telefonisch mit einer Bunkerstation einen Termin vereinbaren. Am frühen Morgen (7.00 Uhr) Anker auf, und unter Motor ging es los. Mittags erreichten wir den Hafen und konnten 4000 l Kraftstoff und 15 t Frischwasser bunkern. Am nächsten Morgen ging es unter Segel (Groß und Klüver 2), vorbei an der Insel, die von 4 Kreuzfahrtschiffen heimgesucht wurde, zurück nach Utila. Abends kam dann noch das Frischfleisch an Bord. Ein Schwein wurde auf Utila geschlachtet und in Portionen zerlegt (59 kg) und eingefroren an Bord geliefert in der Tiefkühlung verstaut. Das Schiff ist zum Auslaufen (outward bound) bereit. Ab Sonntag geht es aber noch ans Festland mit den Schülern zu den Pyramiden der Maya. Aber das ist eine andere Geschichte.
Lothar Ständeke, Steuermann, Traditionsschiffer

Thema: Honduras | Comments Off | Autor: admin