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Kindheitstraum

Mittwoch, 11. April 2012 14:27

Datum: 11. April 2012
Position 37° 29,7′ N, 039° 03,3′ W
Etmal: 160 M
Wetter: bedeckt, SE 2, warm
geschrieben von: Mark Jutrowsk
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Ein Kindheitstraum ist wahr geworden. In den Siebziger Jahren hatte mein Vater an einer Schiffsüberführung von den USA nach Spanien über den Atlantik teilgenommen. Die Geschichten, die er erzählte, faszinierten mich, und seitdem hatte ich immer davon geträumt, den Atlantik zu überqueren. Dieser Traum ist jetzt Realität geworden. Über die Umstände, wie ich dazu gekommen bin, als Schiffsarzt die HSHS-Tour von Bermuda nach Horta, Azoren, zu begleiten, gibt es nicht so viel zu sagen. Meine Tochter Franziska bewarb sich für HSHS, und im Zuge dessen erfuhr ich, dass für die längeren Segeltörns Schiffsärzte als Begleitung gesucht werden. Also stellte meine Frau den Kontakt zu Clipper her, und ich bekam relativ zügig die Zusage für den Törn 2771g. Nach einer fast 24-stündigen Anreise konnte ich am Abend des 27.03.2012 im Hafen von St. George’s an Bord gehen. Die Vorbereitungen liefen auf vollen Touren, Einkäufe mussten erledigt und Proviant verstaut, Zollformalitäten erledigt und kleinere Reparaturen durchgeführt werden. Da die Schüler-Crew aus krankheitsbedingten und disziplinarischen Gründen auf nunmehr 22 Schüler geschrumpft ist, wurde ich gebeten, am Wachbetrieb voll teilzunehmen. Ich war erfreut, da ich dadurch den Schiffsalltag auch ein bisschen aus der Sicht der Schüler kennenlernen kann.

Am 30.03.2012 liefen wir unter Segeln bei schönstem Sonnenschein aus St. George’s Harbour aus und nahmen Kurs auf Horta. Aufgrund sich zuspitzender Wetterverhältnisse im Norden, mit Ausbildung eines ausgedehnten Tiefdruckgebietes, mussten wir am 31.03.12 einen südlicheren Kurs einschlagen, um nicht in ein Unwetter zu geraten. Um 23:00 Uhr begann mein erster Wachdienst, insgesamt 11 Stunden Wache in 24 Stunden. Das Wetter spitzte sich doch noch etwas zu, so dass wir mehrere Segelmanöver machen mussten, um die Segelfläche zu verringern. Ich beobachtete mit Erstaunen, wie hervorragend die Kids während dieser Manöver agierten, die Befehle der Stammcrew gewissenhaft und mit großer Freude ausführten, dabei tatkräftig von den Lehrern unterstützt. Nass bis auf die Knochen, trotzdem lächelnd und gut drauf waren sie alle danach. Der Wind nahm zu und die Verbrennungsquote in der Kombüse dazu parallel auch. Deshalb musste die wirklich sehr gute warme Küche der Backschaft einige Tage kalt bleiben. Bei wirklich starkem Seegang fühlt man sich in der Kombüse wie eine Flipperkugel im Hochgeschwindigkeitskarussell. Auch der Versuch, eine Dusche zu nehmen, ist dann eher als halsbrecherisch zu bezeichnen. Unter weiter abfallendem Luftdruck mussten wir zeitweilig die Steuerung vom Außensteuerstand in die Brücke verlegen. In nachfolgenden Manövern wurden teilweise sogar die Schwimmwesten der per Life-Belt gesicherten Schüler ausgelöst, das bedeutet, dass sie im Vollkontakt mit dem Wasser des Atlantiks gewesen waren. Zu Schaden kam natürlich niemand, das führte eher zu Begeisterung.

Dann kam ich den Genuss der Backschaft. Erstens musste ich unsere Dritte im Bunde, Anna, freistellen, weil sie mit einer Magen-Darm-Verstimmung zu kämpfen hatte. Also blieben nur noch Franzi P. und ich. Als ich feststellte, das diverse Teile der Kombüse sich in deutlich putzwürdigem Zustand befanden, stand der Entschluss für einen zusätzlichen Hygieneplan fest. Diesen erstellten Franzi P. und ich im Anschluss an unseren 15 Stunden-Kombüsen-Marathon für alle verbindlich, und er ist bis jetzt auch sehr gut eingehalten worden. Nach 4 Abwaschorgien für 32 Leute, Verarbeitung von insgesamt 6 kg Mett, 60 Kartoffeln, 2 kg Möhren, 7 Broten, 5 Kilo Obst, ca. 50 Eiern und diversem Aufschnitt ging der Tag mit Applaus für Franzi P. und mich zu Ende. Es war für mich eine höchst interessante Erfahrung, selbst zu erleben, was die Kinder zusätzlich zu wechselnden Wachzeiten, Unterricht, Klausuren, Selbstlernzeit, Schiffshygiene und Segelmanövern noch alles so machen müssen.

Mittlerweile ist der Wind so gering, dass wir mit Hilfe der Maschine uns mit Kurs 080° Richtung Azoren bewegen müssen, und seit gestern nimmt die Anzahl der Walsichtungen zu. Gestern Abend konnten wir sogar am Horizont mehrere springende Buckelwale bewundern. Meine heutige Wache begann um 02:00 Uhr nachts. Es war eine sternklare Nacht mit einem hell scheinenden, leicht abnehmenden Mond, dessen Licht auf dem stillen Atlantik verschiedenste Reflexe hinterließ. Um 05:30 Uhr lag ich in der Koje und bin im Rhythmus des Schraubengeräusches direkt unter mir eingeschlafen. Um 10:00 Uhr stand ich auf, und es empfing mich ein strahlend blauer Himmel und ein fast spiegelglatter Atlantik. Meine ganze Wache von 12:00-16:00 Uhr hindurch habe ich mit Dieter das Großsegel ausgebessert, da es einen Riss oberhalb des ersten Reffs hatte. Am morgigen Donnerstag werden Corinna, die neue Englischlehrerin, und ich unsere Atlantik-Taufe bekommen. Darüber wird dann wohl hoffentlich im nächsten Tagesbericht geschrieben.
Mark Jutrowski
Schiffsarzt (glücklicherweise recht wenig in Anspruch genommen)

P.S.: Ich danke der Crew, den Schülern und den Lehrern für die freundliche Aufnahme an Bord. Alle haben meine Hochachtung. Mein Dank dafür, dass ich diese Reise machen konnte, gilt vor allem meiner Frau Annett, ohne die ich nicht an Bord wäre. Fühle dich umarmt und geküsst. Gleiches gilt für Feli. Ich liebe euch. Malou wird gestreichelt, Katze auch. Ganz liebe Grüße ganz besonders an meinen Vater (halt durch Väterchen) und meine Mutter, natürlich auch an Mikel und Ruth. Außerdem danke ich meinem Freund und Kollegen Stefan, der mir freundlicherweise seine Segelklamotten zur Verfügung gestellt hat und für mich schön in der Praxis mitknechten darf, sorry, und natürlich auch das ganze Team der Praxis Blomberg, sowie alle meine Freunde, insbesondere Peter. Außerdem grüße ich alle Menschen, die diese Seiten lesen und aktiv oder passiv dazu beitragen, dass dieses herausragende Projekt HSHS weiter besteht. Für Franziska grüße ich natürlich noch Tjard, Jelena usw. An die Crew an Land ein großes Danke.

Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin