Schein oder Trug?
Dienstag, 20. März 2012 1:19
Datum: 20. März 2012
Position: Freeport, Bahamas
Etmal: ca. 40 km hin in die Stadt mit dem Bus und zurück
Wetter: wechselhaft, sonnig mit kurzem Regen
geschrieben von: Paul Jankuhn
Hallo zuhause, Hawaii, Karibik, die Malediven. Dies alles sind in unseren Augen die Traumziele schlechthin für eine Urlaubsreise. Weiße Strände, türkisfarbene Wellen und grüne Palmen, dazu angenehmes (für mich zu warmes) Klima mit praller Sonne. Ein Postkartenmotiv. Zu einem solchen Traumziel zählen auch die Bahamas. Wenn man zuhause in Deutschland von den Bahamas spricht, bekommen alle große, leuchtende Augen und sind der Meinung, einen schöneren Fleck auf dieser Erde könne es kaum geben. Doch diese Reise, die ja schon bald zu Ende geht, hat mir gezeigt, welch schöne Orte es auf der Welt tatsächlich gibt, die nicht überall bekannt sind und bereist werden. In dieser Erkenntnis haben mich die beiden Tage auf den Bahamas, heute und gestern, noch bestätigt, weil ich besonders heute ein paar Eindrücke von dem touristischen Leben auf den Bahamas bekam. Der Tag fing nämlich folgendermaßen an: Nachdem ich, noch etwas übermüdet von der Nachtwache von ein bis zwei Uhr nachts, nur schwer aus dem Bett zu bekommen war, wurde nach dem üblichen Frühstück angekündigt, dass für heute ein Ausflug geplant sei. Wie dieser Ausflug genau sein sollte, würde sich aber erst entscheiden, nachdem unser Landgang-Team sich über Angebote, Preise und den Transport informiert hat. Das Landgang-Team, bestehend aus André, David und Franzi J., sind also nach dem Essen direkt ins Büro am Hafen gelaufen und sprachen mit der Sekretärin. Nachdem André seinen Charme einsetzte, kam heraus, dass es am sinnvollsten ist, einen Tagesausflug nach Freeport Downtown zu unternehmen. Dafür mussten wir aber mit gemieteten Kleinbussen in die Stadt fahren, weil es zu Fuß viel zu weit weg ist. Die konnten sie aber erst zum Mittag arrangieren. Deshalb wurde die Zeit bis zur Abfahrt von den meisten fürs Internet genutzt, um wieder einmal Kontakt mit euch zuhause aufzunehmen, und anschließend ging es nach einem Mini-Mittags-Snack auf in die Stadt.
Der allererste Eindruck von den Bahamas verriet noch nichts von dem paradiesischen Glanz, den sie (z.B. auf Postkarten) versprechen, denn unser Schiff liegt mitten in einem grauen Industriegebiet, in dem der einzige Lichtblick die jetzt amerikanische „Alexander von Humboldt“ ist. Doch schon bald konnte man die Einflüsse des Tourismus auf der Insel klar erkennen. Ein Hotel nach dem anderen flog auf der Busfahrt an unserer Fensterscheibe vorbei und vermischte sich mit dem bunten Flimmern von Bars und kleinen Strandlädchen. In der Innenstadt angekommen, war dies alles erst recht zu spüren. Es war, als stiegen wir aus dem kleinen grauen Minibus direkt ins kunterbunte Touristen-Paradies. Es war wie das Eintauchen in Disney’s World, und man kam sich auch so vorgeführt vor. Die komplette Stadt bestand aus knallbunten Holzbuden, in denen Souvenirs, bunte Kleider und T-Shirts mit „I love Bahamas“-Aufdruck verkauft wurden. Zwischen den Buden schlenderten scharenweise Touristen umher, vorwiegend reiche, fette Amerikaner, die sich hier ihren Urlaub vertrieben und jeden Fleck mit ihrer Kamera dokumentierten.
In solchen Buden liefen wir auch einige Zeit herum, doch die Preise sind hier natürlich dem Tourismus angepasst, und mit unseren dreißig Dollar in der Tasche war da nicht viel zu erreichen. Also entschlossen wir uns, zum Strand zu gehen. Aber das erwies sich auch als schwer, weil fast jedes Stückchen Strand Eigentum eines Hotels war. Auf der Suche nach einem öffentlichen Badestrand bekamen wir Hunger und gingen zu Subway. Es ist schon auffällig, wie stark hier die amerikanischen Einflüsse sind, im Gegensatz zu Kuba, wo man vergeblich nach einem McDonald’s oder ähnlichem sucht. Auch wenn die Bahamas kein Teil der USA sind, kam man sich doch vor, als sei man in den Staaten. Nach einer Essenspause ging es dann weiter, und tatsächlich haben wir noch einen Strand gefunden und haben noch einmal die türkisfarbenen Wellen genossen, auch wenn es verglichen mit der karibischen See wirklich frisch war. Natürlich tobte auch hier der Ansturm der Touristen, zu dem wir ja eigentlich auch gehören. Doch ich habe heute noch mal gesehen, welch gravierende Unterschiede es doch zwischen Touristen gibt. Da sind einmal die neugierigen Touristen, die unterwegs sind, um die Welt zu sehen und Kulturen kennenzulernen. Und da gibt es die Touristen, die nur an einen sonnigen Traumort fahren, um im Hotel am Pool zu liegen und das Leben zu genießen. Zu dieser Sorte zählen die meisten der Touristen hier. Zwar hat auch diese zweite Reiseart mal ihren Reiz, und man braucht sicher einmal solche stressfreien Phasen, doch meine bevorzugte Art zu reisen ist eindeutig die erstere, denn ich habe den bisherigen Landaufenthalt fernab den Touristen weitaus mehr genossen, wie beispielsweise die Zeit im Regenwald oder in Longo Mai.
Unser Führer in Kuba, Alberto, sagte:„Ihr müsst euch nicht mit denen unterhalten, die auf euch zukommen, sondern mit denen, die eigentlich keine Zeit für euch haben.“ Denn es kann niemand sagen, dass man bei einem derart vom Tourismus regierten Ort wie hier viel über seine Kultur lernt, es sei denn, dies ist das einzige Gesicht der Bahamas, was ich zu bezweifeln wage. Und dennoch war es ein schöner Tag am Strand. Abends ging es dann, ein bisschen sandiger und salziger, zurück in den Bus und ins Industriegebiet zum Schiff. Zwei Gesichter haben wir gesehen: Das graue Industrie-Gesicht und das aufgesetzt bunte Touristen-Disney-Gesicht. Leider sind wir nicht lange genug hier, um auch noch diese Insel so sehen zu können, wie sie die Menschen sehen, die hier leben. Und trotzdem war es ein interessanter Eindruck für mich. Denn aus den Eindrücken, die einem nicht so gefallen, zieht man doch bekanntlich die wertvollsten Erfahrungen! Und zwar, dass ich nie wieder freiwillig in so etwas reingehen werde. Auf jeden Fall war ich froh, abends wieder auf der Johnny zu sein – unserem Entdeckerschiff, mit dem wir schon oft das Realitätsgesicht eines Landes sehen, beziehungsweise erahnen konnten. Sonnige Grüße aus dem „Paradies“ von eurem Paul (ich hoffe, das „sonnig“ ändert sich schnell). Ich vermisse euch zuhause…ALLE
Paul
Thema: Nordatlantik | Comments Off | Autor: admin