Der Tagesablauf aus Hundesicht

Datum: 29. Oktober 2017
Position: 45°37,1 N, 008°13,7 W
Etmal: 58 NM
Wetter: Wasser 17°C, Luft 17°C, Wind 4 Bft.
von Erich Horst (Verena)

Moin ihr da draußen, ich bin”s wieder, Erich Horst (ihr wisst schon, Kuschelhund der Chefin). Nun sind wir schon eine ganze Weile unterwegs und ich will euch mal erzählen, wie es hier wirklich an Bord zugeht. Angefangen hat unsere Reise ja quasi damit, dass wir in Brunsbüttel an einem Sonntag per Dinghi noch 300 Rollen Klopapier gebunkert haben. Witziger Witz von Chefins Berufsschule für Schifffahrtskaufleute: “Welches Papier ist das wichtigste Schiffspapier?” “Das Klopapier!” Haha. Aber stimmt irgendwie doch schon, sonst hätten wir es ja nicht spontan doch noch mitgenommen. Im Ärmelkanal erlebten wir zwei Stürme nacheinander. Es ist alles andere als nett, eine lange Reise mit 30 motivierten Schülern so zu beginnen, dass sie erstmal tüchtig auf die Mütze kriegen. Aber es hat auch was Gutes, sagt Chefin: nach diesen Stürmen hat keiner mehr die Idee im Kopf, dass wir eine flauschige Kreuzfahrt in die Karibik machen. Alle wissen jetzt von ganz alleine, was es heißt, seefest zu stauen oder einfach nur “eine Hand für dich, eine fürs Schiff”.

Dafür zeigt sich die Biskaya seit einigen Tagen von ihrer allerfreundlichsten Seite. Eine leichte Brise lässt uns sanft in die richtige Richtung schaukeln. Die Menschen zuppeln nur hin und wieder ein bisschen an den Segeln und kümmern sich in der Zwischenzeit um Ausbildung, Schiffserhalt, Reinschiff und um uns Kuscheltiere. Bisher habe ich nur die Tiere aus dem Messelogis kennengelernt. Da sind einmal Monkey und Little Welpe. Die beiden sind schon ausgelernte Stammkuscheltiere, kennen sich prima an Deck aus und verbringen sogar ganze Sturmnächte draußen. Gestern sind auch Anders (ein reisefreudiger Tupfentapir) und ich an Deck und auf die Brücke gekommen, wo wir alle zusammen Fotomodels waren. Chefin sagt, es gibt noch viel mehr Kuscheltiere an Bord, sogar einen ganz großen Eisbären. Hoffentlich treffe ich die bald alle im Sonnenschein an Deck. Ich teile mir die Koje außer mit Chefin auch noch mit dem Huhn Käthe, das sitzt aber seit unserer Abfahrt in Kiel verschreckt in einer Ecke. Da es aber mit jedem Tag wärmer wird, kommt es bestimmt auch bald raus.

Apropos raus: es ist immer wieder ein amüsantes Schauspiel, wenn Chefin morgens versucht, aus unserer Koje zu klettern. Wir wohnen in der vordersten, obersten Koje überhaupt. Chefin kann sich dort nicht aufrecht hinsetzten und entwickelt vom An- und Ausziehen im Liegen schön Bauchmuskeln. Dann wälzt sie sich herum, schiebt sich ans Fußende und zappelt mit dem linken Bein so lange in Christines Koje, die schräg unter ihr ist, bis sie einen Standpunkt gefunden hat, der außerhalb von Christines Körper liegt. Vorsichtig folgt das rechte Bein und schließlich der restliche Körper, der sich schlangengleich zwischen Annikas Hängematte und Kojenkante nach unten schiebt. Wenn die Roald sich dabei nach Steuerbord legt, schnappt Chefin kurz nach Luft, weil Annika sie mit ihrer Hängematte einquetscht. Wenn Chefin endlich auf dem Boden angekommen ist, steht sie da und guckt verzweifelt zurück in ihre nun unerreichbare Koje, weil sie wahlweise ihre Brille, ihr Merino-Halstuch oder ihre Wasserflasche oben vergessen hat. Dann folgt der Akt ein zweites Mal. Gut, dass Christine einen so guten Schlaf hat.

Vor dem Zähneputzen ist Chefins erster Gang immer der zur Waschmaschine. Während sie sonst recht undefiniert (aber sehr geschickt) zwischen ihren Rollen als Lehrerin, Trainee und Deckshand hin und her schlüpft, ist sie in ihrer Rolle als Waschfrau ganz klar. Dann ist sie “Clementine” und schimpft über Taschentücher, die in den Taschen vergessen wurden. Was hat eine Dose Deospray in einem Wäschesack zu suchen? Was wäre damit wohl im Trockner passiert? Und warum geben Schüler nach zwei Wochen mehr Wäsche zum Waschen, als Chefin für das ganze halbe Jahr mit hat? Viele Stunden (und Waschmaschinen) später folgt die Hundewache. Unter dem Sternenhimmel und mit Meeresleuchten, Riggspaziergang, Geschichten vorlesen, Blödsinn sabbeln. Dialog auf der Brücke (man muss dazu wissen, dass die Geschwindigkeit auf dem Radargerät bei Drei Komma Null Knoten mit “3.0kt” angegeben wird):

Schülerin 1: “Wie schnell fahren wir?”
Schülerin 2 am Ruder: “1,8 Knoten.”
Schülerin 1: “Ach, dann haben wir wieder den 1. Oktober!”
Deckshand: “Nein, das ist nur bei 1,0 Knoten.”
Schülerin 2: “Hatten wir auch schon mal den 10. Oktober?”
Chefin: “Ja, als wir mit dem Strom auf der Elbe rausgefahren sind:”
Schülerin 1: “Hä, das geht doch gar nicht, wir sind doch erst am 14. Oktober losgefahren.”
Alle auf der Brücke: “Schüüüüüleeeeerin 1!”*
Schülerin 1: “Menno. Ich werde gemobbt.”
Chefin und Deckshand aus einem Munde: “Ja!” [natürlich nur ein Scherz!]
Steuermann: “Kann schnell einer die MOB-Taste drücken?”**
(*natürlich haben die nicht “Schüüüleeerin” gerufen, sondern mit rollenden Augen langgezogen den Namen der Schülerin 1; **MOB = Mann-über-Bord-Boje)
Kaum denkt man, das Niveaufall wurde wieder durchgeholt, schon steht der Toppsgast da und erzählt: “Zwei Leberwürste sitzen auf der Rah. Eine schubst die andere runter. Welche Leberwurst hat geschubst? – Die grobe.” Zeit für den Wachwechsel und ab in die Koje, wo Chefin bis zur nächsten Waschmaschine mit mir kuschelt.
E. Horst aka Verena

Grüße:
LG von TG A. an L. in L.
Lilly schickt Grüße an den LangeClan und natürlich auch an meine Omas in SB und LA!
Verena grüßt ihre ganze Schule. Für euch sind die Ferien jetzt vorbei, ich fahre einfach weiter. Das fühlt sich immer noch komisch an. Danke euch allen nochmal für die Unterstützung, die guten Wünsche und tollen Geschenke für die Reise!
Der Roald-Stamm (insbesondere der HSHS-Erfahrene von vor 2 Jahren) grüßt alle HSHS-ler (2015/16) aus einer Ententeich-ähnlichen Biskaya, die bisweilen geradezu zu einem Badestopp einlädt – völlig untypisch aber irgendwie richtig toll.

Ein Lehrer-Team mit ähnlich unterschiedlichen Abreise-Gedanken

Datum: 30. September bis 8. Oktober 2017
Position: (Noch) an verschiedenen Orten in Deutschland
Wetter: Sonnig bis stürmisch
Von: Martin, stellvertretend für Verena: Erich Horst, Christine und Katharina

Samstag, 30.09.: Vorletzter Samstag, bevor es los geht. Die Zeit vergeht wie im Flug und es stehen noch gefühlt tausend kleiner Dinge auf meiner To-Do-Liste, die zu kaufen oder zu erledigen sind. Zu allem Überfluss fallen einem auch immer wieder Dinge ein, die man eigentlich gar nicht mehr auf dem Schirm hatte und somit auch auf der Liste landen. So zum Beispiel die alte Digi-Cam von meinem Dad, die ich mitnehmen wollte, die allerdings irgend nen komischen Staubfleck auf der Linse hat und gereinigt gehört. Naja, jetzt nicht, soll sich Zukunfts-Martin drum kümmern. Jetzt stehen erstmal letzte Bestellungen an… Wäschesack, Moskitonetz, Kontaktlinsen, Wizzard und was man sonst noch alles brauchen kann. Die Chance ist allerdings relativ hoch, dass ich irgendwas vergessen habe. Hilft nichts, wird mir schon noch rechtzeitig einfallen.

Das wohlverdiente Ausschlafen, das gemütliche Frühstück, das Abarbeiten der E-Mails, die Bestellung und das Surfen im Internet führen dazu, dass ich unter anderem für eine vernünftige Playlist und sonstige Vorbereitungen für den Törn heute keine Zeit mehr habe und diese warten müssen. Heute steht ein letztes Mal Kicken mit den Jungs für meinen Heimatverein an. Also noch schnell eine Kleinigkeit essen und dann ab zum Sportplatz. Wir gewinnen sowohl mit der ersten als auch mit der zweiten Mannschaft und der Einstandsfeier für die neuen Spieler steht somit nichts mehr im Weg. Für mich ist es quasi eine Abschiedsfeier, da wir ja mit HSHS schon in weniger als zwei Wochen für über ein halbes Jahr ablegen. Die meisten Mitspieler sind absolut neidisch auf das, was vor mir liegt. Andere scheitern kläglich mit ihren plumpen Überredungsversuchen, dass ich HSHS canceln und lieber Fußball spielen soll. Keine Chance! Ich freu mich unfassbar auf die Erfahrung und die geile Zeit, die vor mir bzw. uns liegt. Mittlerweile so nah, aber immer noch kaum zu glauben. Es wird sicherlich auch anstrengende und schwierige Phasen geben, aber letztendlich bin ich absolut überzeugt, dass wir alle von dem Projekt profitieren und unter anderem viele neue Freunde gewinnen werden.
Martin

Ich bin neu in der Runde. Mein Name ist Erich Horst. Chefin hat mich vor ein paar Wochen engagiert, weil ihr alter Kuschelhund „Wauzi“ nach dreißig Jahren in den Ruhestand gehen möchte. „Noch eine Atlantiküberquerung“, sagt er, „das ist nichts mehr für mich.“ Chefin brauchte mich zur Unterstützung bei der Unterrichtsvorbereitung und den zahlreichen Impfterminen. Aber damit sind wir jetzt fertig, sagt sie. Dafür durfte ich sie im September zum ersten Mal auf die Roald Amundsen begleiten, zum Sicherheitstraining. Jetzt habe ich schon 0,24 Seemeilen in meinem Meilenbuch stehen, abgezeichnet von Kapitän „Zottel“. Er hat gewisse Ähnlichkeit mit mir. Die Menschen haben dort das ganze Wochenende mit Qualm gespielt und mit Feuerlöschschläuchen. Sie haben Sauerstoffflaschen von Pressluftflaschen unterschieden, Unterkühlte langsam erwärmt und Verletzte die Niedergänge hochgetragen, … naja, ich habe jetzt jedenfalls keine Angst mehr.

Während die Menschen Lecks abgedichtet und Personen aus dem Rigg geborgen haben, habe ich mich unter Deck mal genauer umgesehen. Es ist alles sehr gemütlich, aber nicht besonders groß. Wie man sein Gepäck für sechs Monate in so einem kleinen Schapp (so sagen sie hier für „Schrank“) unterbringen soll, ist mir ein Rätsel, aber das ist ja Chefins Problem. Was unterwegs wohl zuerst über Bord geht: warme Socken oder Schulbücher?

Dass ich überhaupt zu Wort komme, liegt übrigens nur daran, dass Chefin mit Halsschmerzen daniederliegt. Ich mochte ihr Gejammer über Klassenarbeiten und Zeugnisse und was sie alles noch bis zur Abreise erledigen muss, auch nicht mehr hören. Ihr kennt ja Lehrer ….

In den letzten Tagen habe ich an der Chefin übrigens interessante Beobachtungen gemacht. Normalerweise hat Chefin (wie alle Lehrer) immer etwas zu sagen. Wenn man sie jetzt aber fragt: „Na, freust du dich schon?“, dann stammelt sie nur hilflos irgendetwas vor sich hin. Ganz verrückt reagiert sie auf die harmlose Frage: „Sag mal, wann fährst du eigentlich los?“ Dann ballt sie nämlich die Fäuste und guckt ganz komisch. Ich gehe dann lieber in Deckung, so dass ich, obwohl ich diese Szene mehrmals täglich beobachte, nie genau weiß, wie der Fragesteller da wieder rauskommt. Die letzten (Schul-) Tage wird Chefin schon überstehen. Ich kümmere mich ja um sie, aber manchmal bringt sie mich zur Verzweiflung.
Erich Horst (für Verena)

Endlich Samstag. Erster Ferientaaagg … ausschlafen, lange frühstücken, keine Klausuren korrigieren, keine Noten mehr festlegen, keine Konferenzen…. Es ist….5.10Uhr…. lieber Körper, es sind Ferien!!! Wir könnten ausschlafen!!! Die wohlige Wärme des Bettes genießen!!! Nach ewigem Herumwälzen beschließe ich aufzustehen… schließlich gibt es noch tausend Dinge zu erledigen. Na gut, dann also ran ans Werk. Was sagt meine To-Do-Liste? Kisten packen, Wohnung übergabefein machen, Geburtstags- und Hochzeitsgeschenke organisieren, Klausuren erstellen, Rossmann und DM plündern, wasserabweisende Handschuhe finden, Post, Hose „für Gut“ kaufen, Versicherung, Reisepass …

Oh, das Telefon klingelt… und plötzlich ist es 16.10 Uhr. Hmmm…wie können zwei wirklich kurze Telefonate mit Freunden, ein kurzer Plausch mit Oma und eine ebenfalls ganz kurze Statusaktualisierung bei Facebook so lange dauern??? Meine To-Do-Liste blickt mich mahnend an. Um 19 Uhr soll ich bei Freundinnen sein. Letzter Mädelsabend. Um wenigstens ein wenig zu schaffen und mein Zimmer nicht mit all meinen Dingen vermieten zu müssen, wird für zwei Stunden der Turbogang eingelegt. Tatsächlich habe ich es am Ende schweißgebadet geschafft, die ersten zehn Umzugskartons zu packen, sie drei Stockwerke nach unten und schließlich über die schmale Kellertreppe in den Kellerraum zu bugsieren. Dank des Internets sind auch die ersten Geschenke für noch anstehenden Geburtstage und Hochzeiten organisiert.

Pünktlich um 19.10Uhr sitze ich bei meiner Freundin auf der Couch und das große ausführliche Erzählen über den Törn beginnt… und obwohl ich gefühlt zum 100sten Mal erzähle, was ich vorha-be, kribbelt es immer noch in meinem Bauch und langsam wird mir bewusst: Ich segle über den Atlantik… ich segle über sehr, sehr viel Wasser… Verrückte Wurst!
Christine

Martin, Verena, Katharina, Christine

Sonntag, der 08.10.2017
Nach einer (viel zu kurzen) Woche der „letzten Erledigungen“ sitze ich nun um 23:00 Uhr in meiner völlig leergeräumten und kahlen Wohnung, die ich mit Hilfe freundlich helfender Schüler- und Kollegen-Hände zwecks HSHS-Vorhaben vorübergehend auf den (von meiner Wohnung weitentfernten, aber wetterfesten ;-)) Dachboden der Hermann Lietz-Schule verfrachtet habe. Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass ich irgendetwas Wichtiges vergessen habe, einzupacken oder abschließend zu organisieren…

Letzte Korrekturen von Klassenarbeiten und Tests sowie Notenrückmeldungen an meine Schüler – erledigt. Unterrichtsübergaben – erledigt. Sperrmüll entsorgt – erledigt. Alle überlebensnotwendige (vor allem warme) Kleidung und Schuhwerk sowie wichtigen Unterrichtsmaterialien und Doku-mente kopiert und eingepackt – erledigt. Letzte Telefonate mit Freunden und Familie geführt – erledigt, usw. … Und während ich in Gedanken meine Pack- und Organisationsliste immer und immer wieder im Kopf durchgehe, wird mir so langsam aber sicher bewusst, dass in 11 Stunden meine Fähre von Spiekeroog nach Neuharlingersiel abfährt und damit für mich die HSHS-Reise beginnen wird: Morgen ist (für uns Lehrer) tatsächlich Einzug auf der Roald – es ist soweit: Das Abenteuer beginnt!

Insbesondere heute, aber auch schon die letzten Wochen zuvor wurde ich immer wieder nach meinen Vorstellungen, Erwartungen, Befürchtungen und den Dingen, die ich in den nächsten 6,5 Monaten vermissen werde bzw. auf die ich mich besonders freue, gefragt. Meine Antworten: Eigentliche keine wirklich konkreteren Vorstellungen und Erwartungen. Ich springe aufs Schiff, gucke, was anliegt und passiert, und versuche, das Beste daraus zu machen. Vermissen werde ich (ab und an ;-)) – neben meiner Familie und Freunden – „meine“ Lietz-Schüler und natürlich (insbesondere, wenn ich in der Karibik weile ;-)) „meine“ Lietz-Familie Aper! Darüber hinaus derweilen bestimmt auch zeitlich nicht limitierte, heiße Duschen; das ein oder andere Mal bestimmt auch einen Ort, an dem ich wirklich für mich allein sein kann. Freuen tue ich mich insbesondere auf die Zeit auf der Roald, das Segeln und damit die Seeetappen; auf die Gemeinschaft und Zusammenarbeit mit Schüler-Lehrer-Stammcrew an Bord, auf alle positiven Überraschungen sowie die zu meisternden Herausforderungen, nachdem sie gemeistert sind ;-); auf alles, was es unerwartet zu entdecken gilt – jetzt aber erst einmal auf nächsten Mittwoch, an dem ich endlich „meine“ neuen Schüler kennenlerne!!!
In diesem Sinne: Auf ein schönes Wiedersehen, bis in 6,5 Monaten – und Hallo, HSHS-Leben!
Katharina