Kinder, stellt die Stiefel raus!

Datum: 6. Dezember 2017
Position: 15°00,7’N, 040°05,9’W
Etmal: 120 NM
Wetter: Wasser 27°C, Luft 27°C, Windstärke 4
von Will

Ho, ho, ho! Das waren fast alle Geschenke, der Sack ist schon fast leer. Wo muss ich denn noch hin? Was ist DAS denn? Was suchen die da? Mitten auf dem Atlantik? Kinder? Die Zeiten werden immer merkwürdiger! Wie soll ich denn da hinkommen? … Ah, der Weihnachtsmann hat mir ja letztens beim Bingo erzählt, dass er neue Rentiere am Schlitten hat. Die sollen viel schneller sein und müssen weniger fressen. Mit denen komme ich bestimmt mehrmals über den Atlantik. Ich hoffe er ist gerade zu Hause … Der Weihnachtsmann kommt gerade vom Einkaufen und seine Wichtel helfen ihm tragen. Er lacht und erklärt sich natürlich sofort dazu bereit, mir seinen Schlitten zu leihen, da er weiß, wie wichtig meine Arbeit ist. Nun kann ich die Atlantiküberquerung antreten … und: Da ist das Schiff, ich sehe es schon. “Roald Amundsen” … interessanter Name! Ach, das ist doch dieser Polarforscher. Ich erinnere mich noch, dass ich ihm damals in Norwegen auch immer etwas in den Stiefel gesteckt habe. Oh Mist! Ich muss mich beeilen, es ist schon 6:30 Uhr. Die Schüler stehen ja schon um 7:00 Uhr auf. Was sehe ich denn da? Ein Schüler am Ruder? Das ist ja interessant, ich glaube, da ich gleich ja eh wieder ein Jahr Urlaub habe, kann ich ja auch noch einen Tag lang hier bleiben. Naja, erst einmal an die Arbeit. “Rudolf, flieg bitte an die Bordwand!”

Hui das schwankt ja ganz schön, da ist die Reise per Schlitten ja deutlich angenehmer. Maaa…n, die Treppe (Niedergang) ist ja steil. Lange machen das meine Knochen nicht mehr mit. Da kommt Arbeit auf mich zu! Das sind bestimmt 50 Schuhe. Ist das warm hier unten! Hier könnte ich ja kaum schlafen. Was hab ich denn so in meinem Sack? Ich glaube, hier freut man sich mehr über Obst als über Schokolade. Ah, da hab ich ja noch etwas: Äpfel und Orangen – das wird sie freuen. Und dann doch auch noch ein bisschen Schokolade, die mag doch jeder! Fertig! Ich würde gerne sehen, wie sie ihre Stiefel finden und sich freuen. Das sehe ich immer gerne. Da sind schon die Leute, die die Schlafenden wecken gehen. Und da springen auch die ersten aus den Kojen und entdecken ihre gefüllten Stiefel. Aber was ist denn das? Sie essen nicht alles direkt auf, sondern gehen an Deck und ein Mann macht irgendwelche komischen Bewegungen mit den Händen und springt auf der Stelle. Es scheint als würden sie Morgensport machen. Diverse weitere Übungen folgen und nach dem ganzen Sport massieren sich die Kinder gegenseitig … ich höre etwas von wegen “regenerative Massage nach dem Sport”. Anscheinend ist das hier so etwas wie eine schwimmende Schule und der Mann da vorne, mit dem charmanten bayrischen Akzent, ist ihr Lehrer. Das ist ja eine schöne Idee: Schule auf einem Schiff. Plötzlich höre ich eine laute Glocke läuten. Es gibt anscheinend Essen. Ich begleite die Schüler in die Messe. Was ist das denn für ein üppiges Frühstück, das hab ich auf Schiffen aber anders in Erinnerung. Das sieht lecker aus! Ich setze mich mal dazu, sie können mich ja nicht sehen.

Beim Frühstück steht eine Frau auf und teilt die Reinschiffstationen “Messing putzen”, “Sanitär” und “Messe, Gänge, Niedergänge” unter den Wachen auf. Nach dem Frühstück beginnen die Schüler, fleißig zu putzen. Dann fängt der Unterricht an. Eine andere Frau steht vor der Klasse und sie reden und diskutieren über verschiedene Theorien zur Kommunikation. Es hört sich sehr spannend an! Nach 2 Stunden ist der Unterricht vorbei und die Schüler haben 15 Minuten Pause. Danach steht der Mann von heute Morgen vor ihnen. Er ist anscheinend nicht nur Sportlehrer, sondern auch für Mathematik zuständig. Sein Unterricht dauerte aber nur eine Stunde. Danach gibt es Mittagessen. In der langen Mittagspause spannen viele der Schüler ihre Hängematten auf und genießen die Sonne. Ich sollte mir mal ein Sommeroutfit zulegen, es ist schon ziemlich warm hier. Um 12:50 Uhr geht der Unterricht weiter, aber nur für vier Schüler. Wieder eine andere Frau steht nun vorne und redet plötzlich mit den Schülern auf Spanisch. Anscheinend sind das die vier Schüler aus der Klasse, die Spanisch schon können. Sie reden über die Eroberung Lateinamerikas durch die Spanier um 1500. Nach zwei Stunden Spanisch beginnt dann der Geschichtsunterricht. Die Frau aus dem Deutschunterricht ist auch die Geschichtslehrerin. Sie reden dort über das gleiche Thema wie im Spanischunterricht, nur jetzt geht es um Columbus und nicht um Pizarro. Danach gibt es Kuchen, es wird ein Türchen des Adventskalenders geöffnet und alle singen “Jingle Bells”. Dann verschwinden plötzlich alle Schüler schnell unter Deck, um sich feste Schuhe anzuziehen, damit sie Holzarbeiten machen können.

Nach getaner Arbeit essen sie dann alle zusammen ein wohlverdientes und leckeres Abendbrot. Es scheint heute etwas Besonders zu sein, da es Knoblauchbrot, Tomatenbutter, Avocado und Fisch in Tomatensauce gibt. Dies sind Leckereien, die die Schüler hier anscheinend nicht oft zu Gesicht bekommen. Abends sitzen sie noch gemütlich in der Messe beisammen, spielen Karten und unterhalten sich. Die Stimmung erscheint mir hier recht gut und das Projekt finde ich auch interessant! Vielleicht komme ich ja das nächste Mal wieder. Jetzt muss ich aber auch wirklich los! Rudolf wird langweilig, der fliegt ja schon den ganzen Tag ganz alleine hinter dem Schiff her. Bis nächstes Jahr liebe Kinder und eine schöne Adventszeit! Ach übrigens: Viele von ihnen haben an diesem Tag ihre Haare über Bord geworfen, da es mit kurzen Haaren an Bord wohl einfacher ist. Lasst euch überraschen, liebe Eltern. Ho, ho, ho…!
Will

P.S.
1. War der Nikolaus auch bei dir, Maxi? Ich vermiss´ dich und grüß´ Smilla von mir. (Laurine)
2. Alles, alles Gute zum Geburtstag, Anton!! Lass dich schön feiern und übertreib es nicht!! Ich vermisse dich! (Theo)
3. Eliya und Naomi, der Nikolaus hat mich sogar auf dem Schiff gefunden! War er auch bei euch? Ich drücke euch ganz fest, Lilly
4. Ich wünsche allen eine schöne Adventszeit und freue mich schon auf Vickies und Charlottes Bericht, was sie so vom Nikolaus bekommen haben! (Will)
5. Happy Birthday, Uffi (Milena)

Die unbewohnte Insel

Datum: 13. November 2017
Position: 30°08,4’N, 015°52,4’W
Etmal: 0 NM
Wetter: Wasser 22°C, Luft 25°C, Wind 3 Bft.
von Will

Heute wurden wir von Theo M. und Laurine um 7:00 Uhr mit fröhlicher Musik geweckt. Um 7:30 Uhr gab es dann für die Luv-Klasse Frühstück und um 8:00 Uhr für die Lee-Klasse. Nach dem Frühstück fand ein “All-Hands-Info” statt, in dem erst einmal der Tagesablauf besprochen wurde. Auf Selvagem Grande, der Insel, vor der wir gerade ankern, leben nur fünf Menschen: Zwei Wasserschutzpolizisten, die hier eine Station haben, zwei Ranger, die die Insel “bewachen” und das “Insel-Postamt” verwalten und dann gibt es noch einen Maschinisten, der sich zum Beispiel um die Wasseraufbereitung und alle anderen wichtigen technischen Angelegenheiten kümmert. Bei ihnen wohnt außerdem auch ein Hund, der Selvagem heißt und gerne Flugzeugen hinterherjagt. Diese “Inselbesatzung” wird alle zwei Wochen durch eine andere ausgewechselt. Sie werden dann mit einem Boot abgeholt und nach Madeira zurückgebracht.

In zwei Gruppen wurden wir auf der Insel herumgeführt: Die erste Gruppe startete um 9:00 Uhr ihre “Selvagem-Exkursion” mit dem “Dinghi-Shuttle-Service”. Um 10:00 Uhr hatten sich die Ranger bereiterklärt, uns über die Insel zu führen. Um 12:00 Uhr war die Führung für uns dann vorbei und die andere Hälfte von uns durfte dann um 14:00 Uhr ihre “Insel-Führung” beginnen. Die Insel war das erste Naturschutzgebiet in Europa und gehört zu Portugal. Hier leben besondere Vögel, die, soweit wir es verstanden haben, “Cory”s Shearwater” heißen. Wären wir zwei Wochen früher da gewesen, hätten wir noch sehr viele Jungvögel sehen können, aber jetzt war nur noch einer in einer Höhle versteckt. Die Eltern verlassen die Jungen, nachdem sie stark genug sind, um alleine zu überleben. Die Eltern ziehen in den Süden – manchmal sogar bis nach Südafrika, die Jungen später dann auch. Dort bleiben sie bis sie ausgewachsen sind und dann suchen sie ihre Kinderstube wieder auf und bauen sich kein eigenes Nest, sondern “übernehmen” das ihrer Eltern aus dem Vorjahr. Wenn dort die Eltern oder Geschwister schon sind, kämpfen sie um das Nest. Bei den Kämpfen verkeilen sich die Vögel in der Luft und stürzen zusammen ab. Oft schaffen sie es nicht, sich über dem Boden abzufangen, daher haben wir auch viele Vogelskelette zwischen den Klippen liegen sehen.

Außerdem ist die Insel eine Vorwarnstation für einen möglichen Tsunami. Die Westküste von La Palma rutscht Jahr für Jahr immer weiter ab. Es ist sicher, dass sie irgendwann in einem Stück komplett abrutscht, aber man weiß nicht genau wann. Es kann sofort passieren oder erst in “100 Jahren”. Wenn dieser Fall eintrifft, wäre die ganze Ost-Küste der USA und auch Teile Europas bedroht und sie hätten nur eine Vorwarnzeit von ein paar Stunden. Selvagem Grande ist die erste Messstation, die diesen Tsunami mit einer Boje, die vor der Insel ist, aufzeichnet und die betroffenen Gebiete vorwarnt. Darüber hinaus ist die Insel von Sagen umwoben: Manche meinen zum Beispiel, Kapitän Kidd habe hier einen Schatz versteckt, da er in seinen Tagebüchern auf eine Insel wie Selvagem Grande hinweist. Nach diesem sehr informativen Ausflug gab es Kuchen. Die Sonne schien, deshalb spannten alle zum ersten Mal ihre Hängematten an Deck auf und genossen denn schönen Sommerabend.
Will

P.S.:
1. Rosa grüßt Conni und bedankt sich für den Brief! Hab dich ganz doll lieb, du verrückte Nudel!
2. Viele Grüße an Sternchen und guten Winterschlaf Willi und Charlie.
3. Will grüßt Familie und Freunde.
4. Von dieser kleinen, aber feinen Insel sendet Katharina Familie Desens in Berlin: Jens, Katja und Jonas sowie Asta in Hamburg ganz, ganz viel und liebe Grüße! xxx-x