Neue Welten aus achtbeiniger Perspektive

Datum: 7. Januar 2019
Position: 09°26,5’N, 078°49,1’W
Etmal: 21 nm
Wetter: sonnig-schwül, äußerst warm
von Marlis

Liebes Tagebuch, um ca. 05:45 Uhr fühlte ich mich heute in meiner Nachtruhe gestört. Langsam trudelte die B-Wache an Deck ein. Als um 06:20 der Anker gehievt wurde, war meine Ruhe endgültig vorbei. Beim Ankerlichten wird nämlich ein Knopf gedrückt, der dafür sorgt, dass die schöne Nachtruhe wortwörtlich auf Knopfdruck vorbei ist. Wenn dann immer Gradzahlen hin- und hergerufen werden und ich mich gerade auf dem Steuerrad niedergelassen habe, beginnt die Achterbahfahrt. HUUIII! Dabei muss ich ganz schön aufpassen, nicht herunterzufallen. Aber wenn ich schnell ans Innere vom Steuerrad klettere, kommt mir die Physik zugute.

Vom Frühstück bekomme ich leider nichts ab. Alle hauen so rein, dass nichts mehr übrig bleibt. Aber sie haben ja auch viel vor: Heute geht es für die Schüler in den Regenwald! Wieder vor Anker kommt Lisa, eine Kuna-Indianerin, mit ihren Begleitern in einem Boot zu uns, um uns – das erste Mal seit unserem Aufenthalt in La Coruna (!) – wieder ans Festland zu bringen. Mit der 2. Fuhre schaffe ich es, auf einem Rucksack als blinder Passagier mit an Bord des kleinen Bötchens zu gelangen. Am Strand warten die anderen schon. Als das Boot über eine kleine Sandbank hinweggeschoben ist, nehmen alle an Bord Platz. Kuschelig! Und ich muss aufpassen, nicht zerquetscht zu werden.

An das Flussufer werde ich dann wieder getragen. Praktisch so ein Gratis-Taxi! Sollte man überall einführen. Der Regenwald erinnert mich übrigens eher an eine Plantage, aber spätestens nach dem Kuna-Friedhof, den uns Lisa zeigt, fühlt man sich so richtig im Regenwald angekommen. Kleine Pflanzen erschweren manchmal auf dem kleinen Pfad das Weiterkommen, aber ich muss mich eher vor herabhängenden Ästen in Acht nehmen. Die Äste haben auch übrigens auch einen Vorteil, denn dort mache ich Bekanntschaft mit einer Armada aus Blattschneideamerisen. Von ihnen erfahre ich auch viel aus der aufregenden Welt des Regenwaldes. Aber ich glaube, von Tiergesprächen versteht die Menschenwelt eh nicht so viel.

Kurz nachdem ich das Rauschen von Wasser höre, sehe ich den Wasserfall. Mit Freude springen die Jugendlichen in das Becken hinunter und tauchen unter einem Stein durch. Beim Zugucken an einer Steinwand erschrecken sie sich vor mir und machen einen großen Bogen um mich. Dennoch kriege ich auch ein paar Krümmel von ihrem Zwieback ab. Und während die anderen pausieren, unterhalte ich mich weiter mit der Armada.

Auf dem Rückweg teilen wir uns ungewollt auf. Die Armada aus Blattschneideamerisen übernimmt das Taxi durch den Wald zurück und macht es sich bei den Taschenträgern bequem, die für den Großteil der Gruppe, die den Rückweg durch den Fluss nimmt, das Gepäck wieder zurück zum Ausgangspunkt tragen. Ich hingegen werde in einem wasserfesten Beutel eingesperrt und bin ab jetzt quasi in einem Amphibienfahrzeug und begleite die Jugendlichen beim Hinunterspringen Wasserbecken und bei abenteuerlichem Warten durch Wasser. Bald sind wir an einer Naturrutsche, das Rutschen bringt allen Spaß. Anschließend noch ein Sprung, dabei wurde so mancher Kunstsprung ausprobiert. Weiter ging es durch den Fluss, über Baumstämme drüber und auch mal darunter durch. Dabei gilt es für alle, nicht auf Steinen auszurutschen. Ich fühle mich sicher in meinem Beutel und genieße die Achterbahnfahrt.

Am vereinbarten Punkt treffe ich dann Armada und die anderen wieder und wir gehen gemeinsam das letzte Stück durch den Wald. Dort steht auch das Boot wieder und es heißt wieder: Kuscheln! Während die anderen wieder aufs Meer hinaus und der Johnny entgegenfahren, bleibe ich an Land. Die mit einigen Schülern mitreisende Armada wird mir aber später berichten, dass unsere Kuna-Reiseführerin Lisa an Bord noch ihre wunderschönen Molas verkauft hat.

Von Land aus beobachten wir abends noch, wie der Anker der Johnny gehievt wird und mein altes Heim sich in Richtung des neuen Ankerplatzes macht. Und hierbei übrigens an der Thor Heyerdahl vorbeifährt, die ebenfalls hier vor Anker liegt. Die wechselnden Gradzahlen und die Begrüßungslaute der beiden Schiffe dringen noch bis ans Land zu uns. An Bord der Johnny ließen die Schüler den Abend noch gemütlich mit Lesen und Kartenspielen ausklingen. Und ich freue mich nun darauf, im Regenwald einen weiteren Teil meines Lebens zu verbringen. Eine neue Welt zu entdecken. So wie auch die Schüler jetzt wieder neue Welten entdecken werden. Ich bin mir sicher, dass sie – so wie ich – diesen Tag nie vergessen werden. Es grüßt euch ganz lieb aus Panama,
eure Spinne Paula.

Die erste Klausur

Datum: 12. Dezember 2018
Position: 15° 48,2’N, 048° 25,5’W
Etmal: 158 nm
Wetter: blau und weiß
Temperatur: 27°C
von Marlis

Einen super Start in den Tag hat man, wenn man fünf Minuten vor dem Frühstück von seinen Kammernachbarinnen geweckt wird, weil man beim offiziellen Wecken entweder nicht geweckt wurde oder nicht richtig wach geworden ist. Was davon stimmt, weiß ich bis jetzt nicht. Kräfte am Segel haben mich vor dieser Reise nicht im Geringsten interessiert, allerdings beschäftigt man sich im Bordalltag des segelnden Klassenzimmers nicht nur über Deck damit, sondern auch unter Deck im Physikunterricht. Und wer hat schon das Erlebnis, Backschafter mit Mehl und Sauerkirschen fröhlich durch das eigene Klassenzimmer spazieren zu sehen, während man selbst konzentriert mit Bleistift und Geodreieck hantiert. Was, nebenbei bemerkt, echt schwer ist. Vielleicht müsste ich das zuhause auch mal als Auflockerungsmaßnahme für Unterricht vorschlagen.

Im 2. Teil des Vormittags hatten wir Geschichte bei Nathalie. Dabei haben wir uns über das Kolonialsystem der Spanier in Amerika unterhalten und über die Ausbeutung und die Ungerechtigkeit gegenüber den Ureinwohnern. Zum Mittag gab es Würstchen im Pizzateig und zum Nachtisch Pudding mit Sauerkirschen, damit ihr auch wisst, wozu Mehl und Sauerkirschen gedacht waren. Danach mussten alle Bestände gezählt werden, damit neue Ware bestellt werden kann. Nicht nur Lebensmittel, sondern auch verschiedenste Putzutensilien, aber auch Küchenrollen, die gezählt werden wollten.

Das war auch wieder so ein für sich: Normalerweise gucke ich mir zehn Minuten vor einer Arbeit meine Lernzettel an, aber hier stand ich bis kurz zuvor in einer Bodenklappe und habe Klopapier abgezählt, in eine Liste eingetragen und wieder eingeräumt. Die Kommentare nach unserer ersten Klausur an Bord reichten übrigens von: „Die Arbeit war ja super easy!“ bis „Ich habe die Arbeit voll verhauen!“. Nach der Arbeit hatte meine Unterrichtsgruppe ein bisschen Spanisch und dann war der Schultag auch schon wieder vorbei! Und nach dem Abendbrot hieß es dann für mich ganz bald: Ab in die Koje.
Eure Marlis

P.S.: Liebe Grüße an meine Mentorenklasse, die 5b der Schillerschule Hannover. Ich wünsche euch schöne Weihnachtsferien, lasst euch reich beschenken und genießt den Winter (Es kommt einem schon komisch vor euch schöne Weihnachtsferien zu wünschen, wenn man gerade bei gefühlten 30°C in kurzen Sachen den Sonnenschein genießt).