Blau

Datum: 10. Dezember 2018
Position: 14° 41,3’N, 043° 12,4‘W
Etmal: 166 nm
Wetter: Wasser 26°C, Luft 28°C, Wind ENE 3-4 Bft.
von Myriam

Kennst du das warme Gefühl der Sonne auf deiner Haut, wenn du einfach mal nichts machst und auf der Wiese im Garten oder im Park liegst und einfach die Zeit verstreichen lässt? Dieses Gefühl genossen wir – wie so oft auf dem Atlantik – heute mal wieder, allerdings lagen wir nicht auf einer Wiese, sondern auf dem Vordeck des Schiffes – mitten auf dem Atlantik – umgeben von blau. Einige lasen, andere hörten Musik, wieder andere lagen einfach nur schlafend auf ihren Kissen. Und um uns herum die schier endlose weite indigofarbene Wasserlandschaft, nur unterbrochen durch Teppiche von Algen, die einen wundervollen Kontrast in orange-grün bildeten. Je näher wir der Sargassosee kamen, desto häufiger und dichter wurden sie.

Es war ein malerischer Tag, kaum eine Wolke war zu sehen und die gemütliche Wärme der Sonne passte perfekt zum hellblauen Himmel. Ich ging wie in Trance meinen Tragträumereien nach, schaute mir die Fliegenden Fische an, die sich um uns herum aus dem Wasser stießen und über Wellen und Dünung hinweg glitten, um viele Meter weiter mit einem wasserspritzenden Platschen wieder ins Blau einzutauchen. Wie es wohl wäre, mit ihnen zu springen, zu fliegen und abzutauchen? Und was wohl alles unter der Wasseroberfläche passiert? Wir werden die Welt nie aus der Sicht der marineblauen Unterwasserbewohner kennenlernen, nie wissen, was sie wohl über das Ungeheuer denken, das wir seit fast zwei Monaten unser Zuhause nennen dürfen und auf dem wir ein aufregenden Abenteuer erleben dürfen.

Einige neue Erfahrungen haben wir bereits gesammelt und es ist ungewiss, wie viele wir noch sammeln dürfen. Wir werden unsere ganz eigenen Erfahrungen machen, unsere eigenen Erlebnisse unserer ganz persönlichen Geschichte hinzufügen, die uns niemand nehmen kann, genauso wenig wie den heutigen Nachmittag auf dem Vordeck, der uns gehörte und ganz entspannt und ruhig war. Und nur vom durchdringenden Klingeln der Glocke aus der Messe gestört werden konnte, die uns wieder aus unseren Träumereien holte.
Liebe Grüße, Myriam

P.S.: Papa, ich habe dich nicht vergessen und ich hoffe, dass du einen tollen Geburtstag hattest. Alles Gute nachträglich, liebe dich.

Das waren Wellen!

Datum: 18. Oktober 2018
Position: 50°04’N, 001°53’W
Etmal: 158 sm
Wetter: Luft 16,5°C, Wind NNW 5-6 Bft.
von Myriam

Die Johann Smidt schwankt gefährlich stark in den Wellen. In der Messe klirrt das Geschirr im Takt des Wellenganges. So schnell wie die Wellen unser Schiff ergreifen, so schnell ist auch das leckere Essen zerstreut. Salz- und Pfefferstreuer verteilen ihren Inhalt über die Tische, Rotkohl liegt auf dem Boden. Ein Schüler beschwert sich, dass er nicht nur mit Bratensoße bekleckert worden ist, sondern jetzt auch den Schoß voller Rotkohl, Kartoffeln, Besteck und Wasser hat. In der Kombüse ist rote Grütze über die Brotschneidemaschine geschwappt. Bisher sind „nur“ drei Gläser und ein Teller zu Bruch gegangen.

Es herrscht Chaos, aber die Stimmung ist gut, überall wird gelacht. Nach längeren Säuberungsarbeiten haben wir das Chaos im Griff und die Wellen haben sich auch nahezu geglättet. Es ist inzwischen Abend 18:15 und wir erblicken die episch aussehende Insel Guernsey. Nach einem durchdachten Anlegemanöver liegen wir nun im Hafen von St. Peters Port. Der Hafen hat einen 4xHannes-Tidenhup (was einer Höhe von etwa 8m entspricht) und einen Ponton (Steg), der extra auf die variierenden Höhen ausgelegt ist und es uns hierdurch ermöglicht, nicht alle Leinen fortwährend fieren (lockern) oder durchholen (fester zu ziehen) zu müssen.

Um 20:00 Uhr wurde uns das erste Mal Taschengeld für den bevorstehenden Landgang ausgeteilt. Im Anschluss haben wir unsere erste Schülerversammlung durchgeführt. Das Ergebnis war eindeutig: Wir müssen auf unsere Hygiene achten und unsere Ordentlichkeit in den Kajüten verbessern. Mal sehen, ob wir es schaffen, unsere guten Vorsätze in die Tat umzusetzen.
Liebe Grüße, Myriam