Denken und Schwenken

Datum: 26. Februar 2021
Position: zwischen Kuba und Jamaica
Wetter: hohe Wellen, blauer Himmel, Luft 27°C
von Hippolyt

Ich bin groß, bin blau und nehme mit, was ich in’n Griff bekomme. Ich bin einer von tausenden Händen, die alle zum selben Körper gehören. Ich kann mich von meinem Körper trennen, aber egal, wo ich hinkomme, ich komme immer zurück. Die Wellen nehmen wieder zu und sie haben Einfluss auf uns als Crew, genauso sehr wie auf unserer Reise nach Martinique: Die hohen Wellen zeigen, dass der Wind zugenommen hat und da wir als Segelboot auf den Wind angewiesen sind, ist dieser meist ein gutes Zeichen. Naja, alle guten Sachen haben auch seine schlechten Eigenschaften: Die bleichen Gesichter der Schülerschaftscrew auf den Gängen, den Klos und an der Reling nehmen wieder zu und die Unterrichtsstunden ab (was natürlich sehr bedauerlich ist). Um euch zu beruhigen: Heute haben wir die Leichenfänger an der Reling befestigt, denn die Wettervorhersage für die kommenden Tage ist nicht besonders gut. Wenn die Wellen uns greifen, müssen sie uns loslassen, da uns die Leichenfänger auffangen.

Oft denke ich darüber nach, wie sich mein Ansichtsbild von Weite verändert hat. Ich schaue in die Wellen und sehe in den Horizont: Nichts außer die See, ewige Wellen, die unendlich lange, mal größer, mal kleiner von Ufer zu Ufer wandern. Früher hätte ich über die eintausend Seemeilen von Kuba nach Martinique als einen Flug von höchstens einer Stunde gedacht. Heute sehe ich den Wind, der in die Segel blähst und dabei unser Schiff durch die Gegend schlendern lässt, mit keinem Ziel in Sicht, nein, nicht mal in Gedanken. Trotz mancher kniffliger Sachen, die in den letzten Tagen auf See passiert sind, genieße ich die Zeit wieder. Nach den zwei Wochen auf Kuba sind die letzten Tage eine schöne Erholung, und fast schon eine Art Meditation. Während ich in die Weite schaue und die wunderschönen Farben des Sonnenuntergangs begutachte, denke ich viel über mich selber nach, die vergangene und weiterhin kommende Zeit. Zeit habe ich viel auf See und vertreibe mir diese hier oft mit Lesen. Ich setze mich abends oft mit einer Stirnlampe hinter den Ruderstand und lese. Ich beruhige mich immens beim Lesen und falle dann oft in Gedanken über das Leben auf dem Schiff und das Danach. Hier habe ich gelernt das Lesen wirklich zu schätzen!

Ich überlege mir gerade, wie lange der Törn schon war und wie lang er noch sein wird (Herausgekommen ist, dass es nicht mehr so lange anhält). Wie wird das Gefühl sein, wenn ich nach der Reise zum ersten Mal wieder in meine Heimatstraße einbiegen werde? Einerseits riesengroße Freude, dass ich wieder bei meiner Familie bin und alle Gemütlichkeiten von daheim habe, aber andererseits das Wissen, dass ich das Leben an Bord nie wieder so haben werde, wie ich es hatte.

Jetzt, wo ich fast fertig bin, schaue ich immer noch auf das Wasser. Die nun schwarzen, vom Mondlicht leicht glänzenden Wellen schleichen um das Boot. Ich sehe zwar nicht besonders viel, aber wissen tue ich, dass wir uns in mitten eines ewigen Labyrinths befinden und uns in Moment durchkämpfen müssen. In den ganzen Gedanken, in denen ich in den letzten Tagen schwebe, denke ich besonders viel an meine unersetzbaren Großeltern. Daher grüße ich heute die beste Omama und den besten Udo!
Hippolyt

Grüße:
Friedi grüßt ihre liebste Hanno-Gang und freut sich riesig auf eure Sprachi. Und die Lieblings-Kollegen Gang ?? Ich vermisse euch
Jasmin grüßt Sunsun
Julius grüßt seine Mama
Caspar grüßt sein Vater

Alltag

Datum: 18. Dezember 2020
Position: 12° 38,4‘ N; 055°36,5‘ W
Wetter: graue Wolken, Lufttemperatur 27°
von Hippolyt

Gerade sitze ich mit dem Laptop auf meinen Beinen im Seegarten und überlege mir, was ich heute im Tagesbericht schreiben soll. Ich weiß natürlich das Glück zu schätzen, einen Tagesbericht schreiben zu dürfen, ich realisiere dies bloß noch nicht. Ich schaue gerade raus und bekomme andauernd einen Rückblick zu der Biskaya: die kurzen Wellen, die gegen die Seite der Johnny schlagen, ein grauer Himmel und der Wind, der gegen mein Gesicht klatscht wie eine Ohrfeige. Uns wurde gesagt, dass es eine gemütliche Überfahrt wäre, mit langen Wellen und eine Sonne, die andauernd auf unsere Haut runter britzelt. Naja, um so lauter wird „Land in Sicht“ geschrien werden, wenn dieser Augenblick kommt.

Die Zeit auf See, mit nichts außer Wellen in Sicht hat auch seine positiven Seiten. Man denkt/ philosophiert viel über sich selbst. Momente wie diese, wenn ich im Seegarten sitze, darüber nachdenke, was ich in meinen Blog schreiben sollte und dadurch in Gedanken zurück nach Hamburg gleite, gibt es unendlich viele auf dem Schiff. Der Blog gibt mir eine Möglichkeit, viel über die Reise nachzudenken, was wir durchlebt haben, wie wir uns entwickelt haben, wie ich mich entwickelt habe. Wenn ich zurück an meine Ankunft in Hamburg am 8. Oktober denke, spüre ich die Angst, die ich hatte, die Angst vor der Zeit auf See, die Angst vor der Zeit weg von meiner Familie. In diesen zwei Monaten haben wir sowohl schwierige Zeit auf dem Wasser durchlebt, doch auch aus einer HSHS Schülerschaft, eine große Familie gemacht. Diese ist zwar nicht vergleichbar mit der zu Hause, doch man ist für einander da und dies schätze ich sehr. Es war mal wieder schön, sich die Zeit zu nehmen, die Reise zurück zu reflektieren. Zwischen den ganzen Gedanken habe ich heute viel an meine Eltern gedacht. Daher grüße ich heute meine geliebte Mami und meinen geliebten Papi!
Hippo

Lara grüßt Clara und Kakiiii
Selma grüßt Luisa: „Bist du schon in München wegen Weihnachtsferien oder chillst du noch im Internat? Vermisse dich Izza <3“
Vali grüßt Mami und Papi und wünsche meinem lieben Brudi die besten Weihnachtsferien „of his life“, ohne mich ist es wahrscheinlich nicht ganz so cool, aber du schaffst es sicherlich auch mit Mama und Papa, denn es ist nicht ganz so schlimm, außerdem hoffe ich, dass meine liebe Letti die Spaghetti (sorry dieser Reim musste sein) ganz viel Spaß hat, wenn du verstehst, was ich meine ?? (wenn ich wieder da bin, werden Weihnachtsfilme nachgeholt).