Erste Unterrichtsversuche auf See

Unser erster Spanisch-Unterricht liegt schon einige Tage zurück. Die Schüler:innen hatten in La Coruña festgestellt, dass sie ohne Spanisch-Vorkenntnisse nur mäßigen Erfolg beim Finden von Churrerias und Restaurants hatten und forderten nun selbst eine erste Spanisch-Stunde auf See ein, damit sie sich in Cádiz besser zurechtfinden können.

Nun muss der Unterricht an Bord natürlich doppelt stattfinden, da immer eine Gruppe auf Wache ist und eine andere in der Küche das Essen vorbereitet. Der erste richtige Unterricht für die weiße und rote Wache war jedenfalls ein voller Erfolg: Viel Input, aber super Stimmung und somit Freude auf den nächsten Landgang im spanischsprachigen Ausland.

die erste Spanisch-Stunde auf See
unsere erste Spanisch-Stunde auf See © Peggy

Am Folgetag sollte um 11:30 Uhr die gleiche Einheit für die gelbe und blaue Wachgruppe stattfinden, welche dafür allerdings extra von Lusinja geweckt werden musste. Leider gab es an diesem Tag außergewöhnlich viel Schräglage (heeling) und hohe Wellen … Aber an diese Umstände konnte man sich ja direkt schon einmal gewöhnen!

Man darf sich die Gesamtsituation also folgendermaßen vorstellen: Viele sehr verschlafene Jugendliche rutschen auf ihren Bänken hin und her und versuchen, ihren Blick auf das tragbare Whiteboard zu richten, welches von Lusinja und/oder mir hochgehalten wird. Aber der Unterricht konnte noch nicht starten, denn durch eine sehr starke Schräglage nach Steuerbord öffnete sich einer der Kühlschränke hinter der Bar in der »student mess« von selbst, wodurch sich sämtlicher Inhalt über den Boden verteilte …
Also erstmal aufräumen, putzen und je nach Ausrichtung der Schräglage versuchen, den Kühlschrank wieder zu füllen (Backbord), bevor einem wieder alles entgegenkommt (Steuerbord). Nachdem dies abgeschlossen war, ging es zurück zu den Bänken und dem Whiteboard.
¡Bienvenidos a clase!

Nun aber verschlimmerte sich die Schräglage abermals: lautstark fielen diverse Schüsseln, Teller, Bestecke, Tee- und Kaffeekannen, Bücher, Stifte und Spiele abermals Richtung Steuerbord. Die Kühlschränke an der wenige Meter entfernten Bar öffneten sich diesmal nicht! Dafür bewegte sich einer davon einen ganzen Meter entsprechend der Schräglage, das war neu. Der Bootsmann wurde verständigt, es wurde ein ropie (kleines Seil) herausgefischt und der Kühlschrank seatight befestigt.
Jetzt aber: ¡Hola! / ¡Buenos dias!

Die letzten Stifte wurden unter den Bänken hervorgeholt und zum Abschreiben verwendet. Das Schaukeln setzte sich fort, das Beschriften der Tafel war etwas abenteuerlich, aber die Frage ¿Qué tal? wurde weitestgehend mit ¡Bien!/¡Muy bien! beantwortet.

Lusinja, unsere Spanischlehrerin, leidet leider unter Seekrankheit und wurde zwischenzeitig mehrfach stiller, entschuldigte sich und verließ dann den Innenraum mit Ziel der seitlichen Außenbänke des Schiffes. Das Schaukeln forderte seinen Tribut. Zu meinem großen Erstaunen kam sie dann beide Male zurück und unterrichtete mit mir zusammen weiter die Spanischanfänger:innen. Das ist mal eine Arbeitshaltung!

Während die Wegbeschreibung zu Märkten und Eisdielen besprochen wurde, brachte die Wachgruppe der Küche (galley) das Mittagessen hoch und sortierte es in die einigermaßen seefeste Vorrichtung auf der Bar ein. Die Schräglage erhöhte sich abermals und ließ den Kochtopf mit der Suppe, den Jan (Lehrer) in der Hand hatte, überschwappen, sodass heiße Suppe auf seinem Fuß landete. Dieser Zwischenfall sorgte natürlich abermals für eine Unterbrechung, schließlich musste die Verbrennung versorgt werden. Das Hochbringen des Essens führte dann zu einem vorzeitlichen Abschluss der Spanischstunde.

Text: Vici