Der zweite Tag auf See …

23.08.2021 | 13 Uhr | Nordsee
Position: 54°53.6‘ N | 06°25.2‘ E
Wind: 3 – 4 Windstärken aus Nord · Luft: 19° Celsius
Kurs: WNW 285° · Ziel: Esbjerg/ Dänemark
Geschwindigkeit: 5 Knoten
Bisher zurückgelegte Seemeilen: 120 Meilen
Segel: flying jib, outer jib, inner jib, forestay sail, mainstay sail,
upper topsail, lower topsail, top gallant, mizzen sail

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Positiv überrascht mich die Offenheit und Positivität der HSHS-Gruppe, besonders aber auch die sogenannte tägliche „Happy Hour“, also „Reinschiff“. Zu dieser besonderen täglichen Putzstunde, wird immer laut Musik angemacht. Auch die Seekranken tanzen mit und können dem Jubeln des Teams ein Lächeln abgewinnen. Wenn man darüber nachdenkt, dass wir uns erst seit zwei Tagen kennen, kommt einem dieser Gedanke sehr surreal vor. Sobald irgendwelche Probleme auftauchen, werden diese direkt kommuniziert und behoben, so dass schlechte Stimmung zur Seltenheit wird. Ganz vermeiden lässt sie sich natürlich trotzdem nicht. Doch auch dafür wird stets eine Aufheiterung gefunden. Es gibt mehr als genug Ablenkungen hier.

Kapitän Robert erläutert die Segel-Theorie

Besonders cool war unser heutiges Manöver – eine Wende. Das ganze Schiff musste als einheitlich Crew zusammenarbeiten um die Segel auf die andere Seite zu bringen. Um solch eine Wende durchzuführen müssen allerdings sehr viele kleine unscheinbare, aber essenzielle Details beachtet werden und jede:r muss auf die/den andere:n achtgeben. Nicht nur die soziale Kompetenz, die durch Corona überraschend wenig gelitten hat, sondern auch Aufmerksamkeit und Schiffskunde sind gefragt, denn wer nicht weiß, welches Seil sie/er in den Händen hält, hat ein Problem.

Das Wachsystem auf der Gulden Leeuw

Im heutigen Eintrag soll es allerdings hauptsächlich um das Wachsystem der Gulden Leeuw gehen. Die Wachen starten um 00 Uhr und wechseln im 4-Stunden-Takt. Also von 00-04 Uhr, von 04-08 Uhr, 08-12 Uhr und so weiter. Es gibt insgesamt vier Wachen, die im Wechsel rotieren. Es gibt die Wachen Blau, Weiß und Rot. Diese setzten sich zusammen aus jeweils 14 bis 15 Schüler:innen, plus eine Wache Orange, diese besteht aus dem HSHS-Pädagog:innenteam. Eine der vier Wachen ist immer die sogenannte „Galley watch“, also das Kombüsenteam. Diese hilft dem Koch beim Vorbereiten der Mahlzeiten, sowie beim Abwasch und Aufräumen der Küche. Diese Wache wechselt allerdings nur tageweise. Für die anderen Wachen trifft man sich 10 Minuten vor Wachbeginn am „Gathering table“ in der Messe um durchzuzählen, denn nur ein vollständiges Team darf auf die Brücke. Handelt es sich um eine Nachtwache, wird man von der vorherigen Wache eine halbe Stunde vor Wachbeginn geweckt. Auf der Brücke angekommen, erfolgt die Übergabe mit der vorherigen Wache und erstattet einen kurzen Bericht über die Vorkommnisse, also welche Segel gesetzt wurden, was geplant ist und wie der Kurs lautet. Zuvor wurden bereits jeweils eine Person zum „Watch leader“ und „Deck leader“ bestimmt. Insgesamt gibt es sechs zu besetzende Positionen, zusätzlich zu den zwei Leadern zwei Look-outs, eine Person für das Steuer/Ruder und eine zur Navigation. Diese rotieren alle halbe Stunde, nur die Leaderperson bleibt gleich. Der Rest des Teams ist der Person „Deckleader“ zugeordnet und hilft, die Segel zu hissen, das Schiff aufzuräumen, Sicherheitsrundgänge zu machen und so weiter. Das Ganze wird allerdings nicht zu streng gehandhabt. Möchte man also ans Steuer, obwohl man auf Deck eingeteilt ist, wird das in den meisten Fällen ermöglicht. Natürlich ist auch immer jemand von der Crew dabei, um zu erklären, was zu tun ist. In der Brücke lehrt die/der wachhabende Offizier/in oder unser Kapitän, meist das Navigieren nach alter Tradition. Also mit Karte, Kompass und Zirkel. Auf Deck lernt man beispielsweise das „Splicing“ oder auch das Klettern auf die Masten. Am Ende jeder Wache gibt es ein „Debriefing“, in dem Fragen geklärt oder Präferenzen geäußert werden und dann ist man auch erstmal müde!

Doch nicht nur das Wachsystem zehrt an unserer Energie, sondern auch die Verarbeitung der ganzen neuen Dinge, die man hier lernt. Mich fasziniert besonders die Navigation nach alter Schule, die hier vermittelt wird, sowie die ganzen Kniffe an Deck, wie verschiedene Knoten, das „Splicing“ oder auch das Segel-Hissen.

Besonders schön sind auch die Sonnenauf- und -untergänge, wenn die Sonne den Horizont küsst und das ganze Schiff in die schönsten Orangetöne getaucht wird. Die Sonnenstrahlen scheinen hinter den Wolkenbahnen hervor und jeder hat ein versonnenes Lächeln im Gesicht. Auch der leuchtende Sternenhimmel, der funkelt wie tausend Kristalle und der strahlende Vollmond, der das ganze Schiff in ein mystisches Licht taucht, versetzt mich in ein tiefes Staunen. Mit diesem „Kopfkino“ beende ich diesen Eintrag. Die junge Besatzung der Gulden Leeuw, also wir hoffen für euch Landratten, dass ihr auch mal in den Genuss eines solchen Abenteuers kommt!

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